NABU diskutiert zum Rotwild im Erzgebirge

(Freie Presse vom 9.5.2019) Seit mittlerweile fünf Jahren tobt im Erzgebirge ein Streit um die Rotwildjagd: Die Kontrahenten sind die Rotwildhegegemeinschaft Erzgebirge auf der einen und der Staatsbetrieb Sachsenforst auf der anderen Seite. Die einen fordern einen tierschutzgerechten Umgang mit dem Rotwild in Sachsen und ein staatlich gestütztes Rotwildmanagement mit Wildruhezonen, in denen nicht gejagt wird. Die anderen, der Staatsbetrieb Sachsenforst, wollen den Wald widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel machen und investieren dafür mehr als 140 Millionen Euro in den Waldumbau, der durch überhöhte Wildbestände gefährdet sei. Nun hat sich der örtliche Kreisverband des NABUs eingeschaltet, um die Möglichkeiten zu einem besseren Miteinander von Wald und Wild zu dikutieren. In Schneeberg wurde über die Zukunft der Artenvielfalt im Erzgebirge diskutiert. Referent Wilhelm Bode pointierte: „Das Rotwild ist eine arme Sau.“ Das Rotwild sei ein Gefangener im Wald. Dort lebe es aufgrund der intensiven Bejagung in ständiger Todesangst. Die Lösung für einen artgerechten Lebensraum sieht der Forstwissenschaftler in der Schaffung von Ruhezonen, in denen das Rotwild nicht gejagt werden dürfe.

Dass seit vielen Jahren nur diskutiert, aber nichts getan werde, kritisierte auch Professor Sven Herzog. Der Wildbiologe von der TU Dresden forderte, dass das Rotwild nicht auf Wiesen bejagt werde: „Dann habe ich im Wald ein Problem.“

Den vollständigen Artikel in der Freien Presse finden Sie hier.

Streit um verendete Rotwildkälber im Nationalpark Berchtesgaden

Die Bilder von meterhohen Schneemassen haben bereits im Januar befürchten lassen, was nun langsam zur Gewissheit wird: Der auslaufende Winter hat große Lücken in die Populationen der Wildtiere in den bayerischen Alpen gerissen. Wie die Seite bgland24.de nun berichtet, hat der Fund einiger toter Rotwildkälber rund um den Königssee im Nationalpark Berchtesgaden eine Diskussion über das Jagdmanagement im Nationalpark entfacht. Der Verein „Wildes Bayern e.V.“ erhebt nach dem Fund schwere Vorwürfe. Für die verhungerten Kälber gäbe es nur eine plausible Erklärung: Die Kälber haben den Weg zur nahen Fütterung nicht gefunden, weil ihre Mütter im Nationalpark zuvor von Jägern erlegt worden seien. Üblicherweise schließen sich dann die Waisen zu kleinen Paaren oder Gruppen zusammen, was den Fund gleich mehrerer Kälber erklären würde.

Der Nationalpark Berchtesgaden weist den Vorwurf zurück, die Mütter der Tiere erschossen zu haben. Vielmehr handele es sich dabei um einen natürlichen Vorgang.

Im Nationalpark Berchtesgaden wurden im Jahr 2017 119 Stück Rotwild erlegt und davon auffällig viele Schmaltiere (33 %). Im Jahr davor waren es insgesamt nur 57 Tiere. Bemerkenswert ist, dass es im Rahmen der Schutzwaldsanierung selbst im Nationalpark Berchtesgaden viele Gebiet gibt, in denen die Schonzeit für Rotwild und Rehe, vor allem aber für Gämse zum Teil ganzjährig aufgehoben wurde. Die Deutsche Wildtier Stiftung hat sich in ihrer Baden-Badener-Erklärung für die komplette Einstellung der Jagd auf den Prozessschutzflächen von Großschutzgebieten wie etwa Nationalparken ausgesprochen. Die komplette Aufhebung der Schonzeit lehnt die Stiftung mit Ausnahme von Flächen, die einem konkreten Objektschutz in den Tallagen dienen, ab.

Den vollständigen Artikel und die Stellungnahme des Nationalparks Berchtesgaden auf bgland24.de finden Sie hier.

Protest gegen Isolation von Rothirschpopulationen

Im Osten des Großraum Kölns in der Stadt Overath stößt die Planung eines Gewerbegebietes auf Widerstand: Das Gewerbegebiet an den Sülzeauen würde die Wanderrouten der Rotwildpopulationen in der Wahner Heide und des Königsforstes nach Osten endgültig abschneiden, die Populationen isolieren und den Biotopverbund gefährden. Eingezwängt zwischen Autobahnen und Siedlungen in der bevölkerungsdichtesten Region Europas wäre die Folge dieser Isolation des Rotwildes die Unterbindung des genetischen Austausches und damit Inzucht in den Populationen. Mit erheblichen Mitteln wurde bereits über die A 3 und die L 284 Wildbrücken errichtet, um den Biotopverbund des Rotwildgebiets der Wahner Heide und des Königsforst zu erhalten. Die Bauvorhaben würden diese Bemühungen jedoch unterlaufen.

Auf dem Treffen zum „3. Overather Jagdforum“ zeigten sich die Teilnehmer einig, dass die Pläne der Stadt nicht mit dem Biotopverbund vereinbar sein. Der vornehmlich durch die örtliche Jägerschaft organisierte Protest wurde durch Expertenbeiträge unterstützt. Unter anderem stellte Herr Dr. Petrak, Leiter der Forschungsstelle für Wildtierkunde und Wildschadensverhüttung in Bonn, die bisherigen Erfolge der Wildbrücken zum Biotopverbund da.

Den Bericht des Kölner Stadt Anzeigers zum „3. Overather Jagdforum“ finden Sie hier.

Biotopverbund

Der Biotopverbund dient der dauerhaften Sicherung der Populationen wild lebender Tiere und Pflanzen einschließlich ihrer Lebensstätten und ist im § 21 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) festgeschrieben. Rotwild ist durch seine weiten Wanderungen eine Leitart für den Biotopverbund. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert seit langem, Rotwild-Lebensräume großräumig zu vernetzen und ihre Beschränkung auf Rotwildbezirke zu beenden. Wenn Rotwild ungehindert wandern dürfte, könnten Trittsteinbiotope und Wildbrücken die Vernetzung weiter von einander entfern lebender Rotwildpopulationen ermöglichen.

Streit um Winterfütterung in Österreich entbrannt

In Österreich ist ein erbitterter Streit um die Winterfütterung der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) ausgebrochen. Anlass und Mittelpunkt des Streits ist eine Winterfütterung für Rotwild im Gasteiner Angertal, die durch eine online-Petition und einen Fernsehbericht in den vergangenen Wochen erhebliche mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Der Vorwurf: Trotz Jahrhundertwinters haben die staatlichen Forstbetriebe als Grundbesitzer und Jagdverpächter die Winterfütterung von Reh- und Rotwild teilweise untersagt oder eingestellt. Dadurch verhungere das Wild qualvoll, kritisieren die Jäger. Die Bundesforste widersprechen, der Waldbestand sei durch die Zunahme an Verbissschäden in Gefahr.

Mittlerweile hat auch das Landesverwaltungsgericht Salzburg die Wildschäden behördlich festgestellt. Dort heisst es, dass es „auf den Flächen durch massive Wildschäden – vorrangig verursacht durch Rotwild – großflächig zum Ausfall und Absterben von Forstkulturen gekommen ist“.  Das Landesverwaltungsgericht Salzburg selbst hat einen Zusammenhang mit der Fütterung festgestellt. Weiters hat das Gericht angeordnet, „eine Wildstandsreduktion auf ein für die Wiederbewaldung verträgliches Maß herbeizuführen.“.

Den Bericht des österreichischen Fernsehsenders Servus TV finden Sie hier.

Die Gegendarstellung der Österreichischen Bundesforste finden Sie hier.

Fotorechte: © Servus TV / Mabon

Winterfütterung

Winterfütterungen sind ein wirksames Instrument, um die räumliche Verteilung von Rotwild zu steuern. Darüber hinaus wird sie vor allem in den Alpen und den Mittelgebirgen als Kompensation für Winterlebensräume in den Tallagen angesehen, die durch Besiedelung, Verkehrswege und Stauseen verloren gegangen sind. Winterfütterung kann in diesen Regionen zur Minderung von Wildschäden beitragen und helfen, Energieengpässe bei den Tieren im Winter in Folge von menschlicher Beunruhigung wie z.B. durch Freizeitnutzung auszugleichen.

Andererseits können falsch oder missbräuchlich eingesetzte Fütterungen schwerwiegende Eingriffe in das natürliche Verhalten der Tiere darstellen. Auch wird diskutiert, ob Winterfütterung dazu beiträgt, die Nahrungsgrundlage des Lebensraumes künstlich anzuheben. Eine an dieser Lebensraumkapazität orientierte Wilddichte würde zu nachteiligen Auswirkungen auf die Vegetation im Sommer führen.

Ein an der Biologie des Rotwildes orientiertes Management nutzt alle Möglichkeiten, auf Winterfütterung zu verzichten. Voraussetzungen für ein konfliktarmes Überwintern von Rotwild sind eine angemessene Populationsgröße, ruhige Einstände und vor allem ausreichend verfügbare und zugleich schadlose Äsungskapazitäten im Winter. Ein naturnah aufgebauter, gut strukturierter Wald ist dabei weniger anfällig gegen den Fraßeinfluss durch Rotwild als Altersklassenwälder. Gleichzeitig bietet die Gestaltung von Waldinnenrändern mit Weichhölzern nicht nur dem Rotwild geeignete Winteräsung, sondern bildet insgesamt einen HotSpot für die Artenvielfalt in unseren Wäldern. Unbejagte Wildäsungsflächen, die vom Wild auch am Tag genutzt werden, sind das wichtigste Element für erfolgreiche Überwinterungskonzepte beim Rotwild. Ziel sollte es also sein, Situationen, in denen Winterfütterung erforderlich ist, deutlich zu minimieren. Gleichzeitig darf der Verzicht auf Winterfütterung auch nicht zum Dogma werden.

Wintergatter

In den Alpen werden immer mehr Fütterungsbereiche eingezäunt, aus denen das Wild erst entlassen wird, wenn reichlich Bodenäsung zur Verfügung steht Für den Wald sind Wintergatter eine Entlastung. Wenn sich das Wild jedoch frühzeitig einstellt, kann es nicht mehr bejagt und der Abschuss nicht erfüllt werden. Manche Revierinhaber nutzen Wintergatter dazu, einen höheren Wildbestand zu halten. Das Gattern wilder Tiere über etwa fünf Monate pro Jahr stößt auch auf ethische Einwände und ist für viele unvereinbar mit dem Wildtiercharakter. Die Tiere selbst finden allerdings ihr Ruhebedürfnis optimal befriedigt, weil sie vor Störungen sicher sind.

In den Fängen der Eiszeit

(FAZ vom 23.2.19) Wissenschaftler von der Universität Porto haben gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Spanien und den Vereinigten Staaten die Evolution des Rotwildes (Cervus elaphus) untersucht. Wie die molekulargenetischen Analysen von mehr als neunhundert Tieren aus ganz Europa ergaben, haben sich die Rothirsche wahrscheinlich während der „Saale-Kaltzeit“ (vor 190.000 bis 127.000 Jahren) in drei Gruppen gespalten: in eine östliche, eine westliche und eine mediterrane Population. Dass die anschließende Warmzeit wieder eine Vermischung erlaubt hat, zeigt die DNA fossiler Hirschknochen aus Spanien, die östliche Merkmale enthielt. Als die Gletscher in der letzten Kaltzeit vor ca. 23.000 Jahren auf ihre maximale Größe wuchsen, trennten sich die Populationen erneut in eine westliche und eine östliche. Spuren der einstigen Vermischung sind dadurch in Spanien vermutlich ebenso verloren gegangen wie auf dem Balkan. Von dort aus konnte sich das Rotwild nach dem Ende der Eiszeit wieder in Ost- und Mitteleuropa ausbreiten.

Den Artikel in der FAZ vom 23.2.2019 finden Sie hier.

Den wissenschaftlichen Artikel in der Online-Zeitschrift „Plos One“ finden Sie hier.

Würde der Artikel die heutigen Wanderbewegungen der Art beschreiben, müsste er mit „In den Fängen der Forstwirtschaft“ überschrieben sein. Denn vor allem in den südlichen Bundesländern wird dem Rothirsch per Gesetz vorgeschrieben, wo er leben darf und vor allem wo nicht: Im Grün-regierten Baden-Württemberg muss der Rothirsch auf 96 % der Landesfläche per Gesetz ausgerottet werden, weil die Forstwirtschaft seine Fraßgewohnheiten fürchtet. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert daher „Freiheit für den Rothirsch“ und eine Auflösung der No-Go-Areas für den Rothirsch.

Broschüre „Für den Rothirsch“ veröffentlicht

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat auf ihrem 9. Rotwildsymposium in Bad Driburg die Broschüre „Für den Rothirsch“ veröffentlicht. Sie enthält die nunmehr dritte Auflage des „Leitbild Rotwild“ und die Forderungen und Empfehlungen, die die Deutsche Wildtier Stiftung aus ihren bisherigen Rotwildsymposien abgeleitet hat.

Die Broschüre „Für den Rothirsch” erhalten Sie über unser Bestellformular.

Für den Rothirsch

Für den Rothirsch

Rotwild ist in Deutschland nicht bedroht! Über 200.000 Tiere leben bei uns und gut ein Drittel von ihnen wird jedes Jahr nachhaltig erlegt. Allerdings: An kaum einem Fleckchen in Deutschland kann das Rotwild seinen natürlichen Verhaltensweisen nachgehen. Gesetzlich festgelegte Rotwildbezirke und hoher Nutzungsdruck in seinem Lebensraum, unserer Kulturlandschaft, hindern die Art an weiten Wanderbewegungen und einem tagvertrauten Dasein in halboffenen Landschaften.

Damit sich die Lebensbedingungen unserer größten heimischen Säugetierart verbessern, engagiert sich die Deutsche Wildtier Stiftung für den Rothirsch. Der Motor dieses Engagements sind die Rotwildsymposien, die in einem zweijährigen Turnus stattfinden. Ihr Anspruch ist, die relevanten Themen rund um den Umgang mit dem Rothirsch in den Mittelpunkt des öffentlichen und fachlichen Diskurs zu stellen und daraus Lösungen für einen gerechten Umgang mit Rotwild in Deutschland zu erarbeiten.

Auf dem 1. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung im Jahr 2002 haben Urich Wotschikowsky et al. den Entwurf für ein „Leitbild Rotwild“ vorgestellt. Im Jahr 2005 wurde das Leitbild schließlich mit einer breiten Unterstützung durch unterschiedliche Jagd-, Umwelt- und Eigentümerverbände von der Deutschen Wildtier Stiftung herausgegeben. Seither ist das Leibild Rotwild der wesentliche Anker der inhaltlichen Arbeit der Deutschen Wildtier Stiftung rund um den Rothirsch. Die vorliegende Broschüre enthält die nunmehr dritte Auflage des Leitbild Rotwild, in der im Vergleich zum Originaltext aus dem Jahr 2005 lediglich die zwischenzeitlichen Gesetzesänderungen angepasst worden sind.

Seine Autoren verstanden das Leitbild Rotwild als Ausgangspunkt auf dem Weg zu einem besseren Rotwildmanagement. Die Deutsche Wildtier Stiftung hat seither versucht, mit ihren Rotwildsymposien diesen Weg weiterzugehen. Das Ergebnis sind die Forderungen und Empfehlungen, die die Deutsche Wildtier Stiftung aus ihren bisherigen Rotwildsymposien abgeleitet hat, und die in dieser Broschüre ebenfalls zusammengetragen worden sind. Im Mittelpunkt stehen dabei die Themen Jagdstrategie, Wald und Wild, Hegegemeinschaften, Jagdethik und Jagd in Großschutzgebieten.

 

 

Erste Ergebnisse zur Bindung zwischen Alttier und Kalb

(Trierischer Volksfreund vom 24.7.2018) Seit Herbst 2017 läuft im Nationalpark Hunsrück-Hochwald eine Pilotstudie zum Trennungsverhalten von Alttier und Kalb beim Rotwild. Mit Hilfe von Telemetrie suchen Wissenschaftler der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt nach „harte Fakten … wie lang die Leine“ zwischen dem Alttier und seinem Kalb sei. Erste Ergebnisse hat der Leiter der Forschungsgruppe Wildökologie, Dr. Ulf Hohmann, Ende Juli im Nationalpark vorgestellt.

Im Rahmen des Projektes wurden bisher sechs Tiere gefangen – zwei Alttiere und vier Kälber. Dem gefangenen Wild hängten die Forscher satellitengestützte GPS-Sender um den Hals, um die Positionen der Tiere und ihre Entfernungen zueinander aufzeichnen. „Eine Schwierigkeit war, die Mütter dem richtigen Nachwuchs zuzuordnen“, berichtete Hohmann. Da man die Tiere längere Zeit habe beobachten können, sei dies schließlich gelungen. Laut Hohmann blieben Alttiere und Kälber meist eng beieinander. Regelmäßig zeichneten die Forscher aber auch längere Trennungen mit bis zu einem Kilometer Distanz auf. Nach dieser störungsarmen Phase simulierten die Forscher Jagden – anfangs nur mit Treibern, die geräuschvoll auf die Tiere zugingen, später auch mit Hunden. Dabei, so Hohmann, sei die Tendenz erkennbar, dass beim Einsatz von Hunden Alttier und Kalb eher voneinander getrennt flüchteten.

Die Projektgruppe wird in den kommenden Monaten die Methodik verfeinern, um zu belastbaren Ergebnisse zu kommen. Das Projekt dauert noch bis 2019.

Den vollständigen Artikel im Trierischer Volksfreund finden Sie hier.

Tierschutz bei der Rotwildreduktion

Vom 28. bis 30. Juni 2018 fand in Bad Driburg das 9. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung zu dem Thema „Der Rothirsch in der Überzahl – Wege zu einer tierschutzgerechten Rotwildreduktion“ statt. Ziel des dreitägigen Symposiums war, die besonderen Maßnahmen, die in zeitlich befristeten Reduktionsprojekten ergriffen werden sollten, herauszuarbeiten. In der „Bad Driburger Erklärung“, dem Abschlusspapier des 9. Rotwildsymposiums, sind die Rahmenbedingungen und jagdpraktischen Empfehlungen für eine wirkungsvolle Rotwildreduktion unter Berücksichtigung des Tierschutzes formuliert. Im Mittelpunkt steht dabei der Anspruch, dass Rotwildreduktion niemals Dauerzustand sein darf, sondern als ein zeitlich und räumlich begrenztes Projekt verstanden werden muss.

 

Bad Driburger Erklärung

Empfehlungen zur Reduktion von Rotwildbeständen unter Einhaltung des Tierschutzes

aus Anlass des 9. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung (2018)

 

Präambel

Die Verbreitung des Rotwildes in Deutschland ist sehr verschieden: Auf etwa der Hälfte der Fläche darf der Rothirsch per Gesetz nicht leben. In einem weiteren Viertel kommt er aufgrund ungünstiger Lebensraumbedingungen nicht vor. In manchen seiner Vorkommensgebiete ist der Bestand so stark reduziert, dass die Art keine Rudel mehr bilden und damit nicht ihrer Biologie entsprechend leben kann. Hier muss die Population wieder wachsen. In anderen Verbreitungsgebieten ist die Dichte auf großer Fläche aber auch sehr hoch. Sehr hohe Rotwilddichten können regional, z.B. in Großschutzgebieten oder auf Truppenübungsplätzen, toleriert oder sogar erwünscht sein und müssen auch in der Normallandschaft nicht unausweichlich zu untragbaren Schäden in der Land- und Forstwirtschaft führen. Dennoch ist die Gefahr groß, dass sehr hohe Rotwilddichten in unserer Normallandschaft nicht mit den berechtigten Interessen der Landnutzer zu vereinbaren sind. In diesem Fall müssen Rotwildbestände reduziert werden.

Rotwildpopulationen tierschutzgerecht zu reduzieren ist eine viel anspruchsvollere Aufgabe als die normale Jagd, bei der Wildtierbestände nachhaltig genutzt werden. Denn das tierschutzgerechte Erlegen von erwachsenen weiblichen Individuen ist beim Rotwild aufgrund der engen und langen Bindung zwischen Alttier und Kalb deutlich schwieriger als bei anderen Schalenwildarten. Darüber hinaus muss auch während der Reduktion des Wildbestandes die Sichtbarkeit und damit die Bejagbarkeit des störungsempfindlichen Rotwildes erhalten bleiben. Unter diesen Prämissen wird eine Reduktion des Rotwildbestandes nicht erfolgreich sein, wenn die bisherige Jagdpraxis einfach nur intensiviert oder Jagdzeiten verlängert oder gar die Nachtjagd zugelassen werden. Es braucht vielmehr besonderer Methoden und Jagdstrategien, um Rotwildbestände tierschutzgerecht zu reduzieren.

Eine wirkungsvolle und dabei tierschutzgerechte Rotwildreduktion darf nie Dauerzustand sein, sondern muss als ein zeitlich und räumlich begrenztes Projekt verstanden werden. In diesem Reduktionsprojekt müssen alle Prinzipien für einen waidgerechten und damit fairen und verantwortungsvollen Umgang mit Rotwild weiterhin gelten. Dazu gehören neben den im Bundesjagdgesetz formulierten Tierschutzaspekten, u.a. zum Muttertierschutz und dem Verbot der Hetzjagd (§§ 19, 22 BJagdG), auch der Verzicht auf die Nachtjagd, die Einrichtung und Beibehaltung von Wildruhezonen und ein Jagdzeitende am 31.12. eines jeden Jahres.

Rahmenbedingungen für ein Reduktionsprojekt

Die Reduktion von Rotwildpopulationen ist niemals Selbstzweck und niemals ein Automatismus als Folge von hohen Schäden durch Rotwild. Sie ist einer von mehreren und immer der als Letztes zu verfolgende Lösungsweg. Ein Reduktionsprojekt folgt einem abgestimmten Projektplan und gelingt vor allem in kompetenten und durchsetzungsfähigen Hegegemeinschaften. Diese sollten eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sein. Je nach Ausgangspopulation sollte das Reduktionsprojekt in der Regel nicht länger als fünf Jahre dauern.

Voraussetzungen für ein erfolgreiches Reduktionsprojekt sind

  • die möglichst genaue Kenntnis von Umfang sowie Alters- und Sozialstruktur der Population auf Grundlage anerkannter Methoden,
  • die möglichst genaue Kenntnis und Beschreibung von Ausmaß und räumlicher Verteilung des Konfliktes,
  • der Konsens von Grundeigentümern, Bewirtschaftern und Jagdausübungsberechtigten über das zu tolerierende Maß des Wildeinflusses in Wald und Feldflur und das Ausmaß der Bestandesreduktion,
  • das Erarbeiten eines Projektplanes, ggf. unter Einbindung externer, professioneller Berater, in dem das Projektgebiet, die Laufzeit, begleitende Maßnahmen und Indikatoren für den Projekterfolg definiert werden,
  • vorhergehende intensive Bemühungen zur Konfliktlösung durch Grundeigentümer, Bewirtschafter und Jagdausübungsberechtigte u.a. durch veränderte Jagdstrategien, Lebensraumverbesserungen und waldbauliche sowie landwirtschaftliche Maßnahmen,
  • die Umsetzung des Reduktionsprojektes bevorzugt in den Konfliktschwerpunkten,
  • ein Endbestand, der in seinem Umfang und seiner Alters- und Sozialstruktur die Rudelbildung zulässt und
  • die regelmäßige Evaluierung der Konfliktsituation und des Populationszustandes während des Reduktionsprojektes.

Empfehlungen für die Jagdpraxis in einem Reduktionsprojekt

Höhe und Struktur der Jagdstrecke

Rotwild wird reduziert, indem die getätigten Abschüsse deutlich über dem Zuwachs liegen. Nachhaltig werden Rotwildbestände aber erst reduziert, wenn der Anteil an Zuwachsträgern innerhalb der Population sinkt. Das tierschutzgerechte Erlegen von Alttieren ist daher das wichtigste und wirkungsvollste Instrument in Reduktionsprojekten.

Merkmale eines wirkungsvollen und gleichzeitig tierschutzgerechten Reduktionsprojektes sind

  • der körperliche Nachweis aller erlegten Individuen,
  • ein Gesamtabschuss, der 10 bis 25 % über dem erwarteten Zuwachs liegt,
  • ein Anteil von maximal 40 % männlichen Wildes am Gesamtabschuss,
  • ein Streckenverhältnis von Alttieren zu Kälbern, das tierschutzgerecht – und damit immer nach dem Prinzip „erst das Kalb und dann das dazu gehörende Alttier“ – zu realisieren ist und durch das gleichzeitig ausreichend Zuwachsträger aus der Population entnommen werden (Streckenverhältnis 1:1,5 bis 1:2),
  • ein Verhältnis von nahezu gleich vielen erlegten Alt- und Schmaltieren im Vergleich zu den erlegten Kälbern.

Jagdstrategien während eines Reduktionsprojektes

Die tierschutzgerechte Reduktion von Rotwild in einem begrenzten Zeitraum erfordert Einsatz, Disziplin und handwerkliches Können, um eine hohe Gesamtstrecke und die angestrebte Streckenstruktur zu erreichen. Wesentliches Element von Reduktionsprojekten ist die Einzeljagd auf weibliches Wild im Spätsommer.

Instrumente und Merkmale der Einzeljagd während eines tierschutzgerechten Reduktionsprojektes sind

  • die intensive Kahlwildjagd im August zum Erlegen von Kalb-Alttier-Dubletten mit erfahrenen und qualifizierten Jägern,
  • die Kahlwildjagd in der Brunft abseits der Brunftplätze,
  • die Frühsommerjagd auf Schmaltiere und -spießer mit erfahrenen und qualifizierten Jägern,
  • der Verzicht auf das Erlegen von Schmalspießern und jungen Hirschen aus gemischten Rudeln zu Gunsten von Kälbern und Schmaltieren,
  • der Anspruch, beim Kälberabschuss in geeigneten Situationen möglichst weibliche Kälber aus einem Rudel zu erlegen,
  • im Fall einer unzureichenden Abschusshöhe bei den Alttieren die gezielte Anrührjagd auf nicht-führende Alttiere mit erfahrenen und qualifizierten Jägern kurz vor dem Ende der Jagdzeit und
  • die Einrichtung und das Respektieren von Wildruhezonen, um die Sicht- und damit auch die Bejagbarkeit des Rotwildes zu unterstützen.

Die Merkmale der Bewegungsjagd während eines tierschutzgerechten Reduktionsprojekts sind

  • die Konzentration auf den Kälberabschuss,
  • die ausschließliche Freigabe von Alttieren erst nach Erlegen des sicher zum Alttier gehörenden Kalbes,
  • die ausschließliche Freigabe von einzeln ziehenden Schmalspießern und jungen Hirschen auf Bewegungsjagden,
  • die ständige Evaluierung von Organisation und Ablauf der Bewegungsjagd u.a. durch Vergabe und Auswertung von Standkarten und
  • die regelmäßige Veränderung von Jagdablauf und Schützenständen, um Erfahrungs- und Traditionsbildung beim Rotwild zu vermeiden.

Download

Bad Driburger Erklärung: Empfehlungen zur Reduktion von Rotwildbeständen unter Einhaltung des Tierschutzes

Der Rothirsch im Haus der Schwarzen Berge

Bis zum 30. August zeigt das Biosphärenzentrum Haus der Schwarzen Berge des Biosphärenreservates Rhön die Wanderausstellung der Deutschen Wildtier Stiftung zum Rothirsch. Die Ausstellung verdeutlicht, wie wichtig das Tier in seinem Lebensraum ist und welche ökologischen Aufgaben es erfüllt. An Hand von aktuellen Studien, die das Schalenwild im Fokus der Ökosystemforschung gerückt haben, werden Schaden und Nutzen beleuchtet und abgewogen. Eine Neubewertung der ökologischen Funktion der Huftiere, vor allem in Großschutzgebieten, Biosphärenreservaten und Nationalparken, regt zum Nachdenken an.

Ort: Haus der Schwarzen Berge (Rhönstr. 97/ 97772 Wildflecken – Oberbach)
Termin: 4.7. bis 30.08. ; Das Haus der Schwarzen Berge ist täglich für Besucher geöffnet. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr. Am Wochenende und an Feiertagen öffnet das Haus um 10 Uhr.

Einladung zum 9. Rotwildsymposium: Der Rothirsch in der Überzahl

 

Die Deutsche Wildtier Stiftung lädt ein zu ihrem 9. Rotwildsymposium

Der Rothirsch in der Überzahl –
Wege zu einer tierschutzgerechten Rotwildreduktion

vom 28. bis 30. Juni 2018 in Bad Driburg

Sehr hohe Rotwilddichten führen nicht nur zu Konflikten mit der Land- und Forstwirtschaft, sondern dienen immer wieder auch als Argument gegen die Auflösung von Rotwildbezirken oder kürzere Jagdzeiten. Für das Wohlergehen unseres größten Landsäugers sind sehr hohe Dichten in unserer eng besiedelten Kulturlandschaft daher eher schädlich. Das 9. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung hat zum Ziel, die besonderen Maßnahmen, die in zeitlich befristeten Reduktionsphasen ergriffen werden sollten, herauszuarbeiten. Im Ergebnis sollen praktische Empfehlungen formuliert werden, damit dort, wo es gewünscht ist, eine wirkungsvolle und dabei tierschutzgerechte Rotwildreduktion in einem begrenzten Zeitraum gelingen kann.

Das Programm des 9. Rotwildsymposiums finden Sie hier.

Ein online-Anmeldeformular zum 9. Rotwildsymposium finden Sie hier.

Rotwildsymposium Gräflicher Park

Veranstaltungsort & Hotel-Empfehlung

Gräflicher Park Grand Resort
Brunnenallee 1
33014 Bad Driburg
info@graeflicher-park.de

Bitte reservieren Sie mit dem Stichwort „Deutsche Wildtier Stiftung“ Ihre Übernachtungsgelegenheit.

In diesen Hotels haben wir Zimmer für Sie reserviert:

► Gräflicher Park Grand Resort (05253 9523-0)
► Böhlers Landgasthaus (05253 1235)
► Hotel Erika Stratmann (05253 9810)
► Hotel Schwallenhof (05253 981300)
► Hotel Waldcafé Jäger (05253 93390)

Anmeldung

Bitte melden Sie sich bis zum 19. Juni 2018 an.

Teilnahmegebühr

130 € (Studierende: 70 €) inkl. Verpflegung am 29. und 30. Juni, Abendessen, Exkursion und Tagungsband
80 € ohne Abendessen
50 € Begleitperson beim Abendessen

Bitte überweisen Sie den Betrag bis zum 19. Juni 2018 an:
Deutsche Wildtier Stiftung
IBAN: DE81 2005 0550 1002 2515 59
IHR NAME – Rotwildsymposium 2018“

Posterausstellung

Alle Rotwildprojekte in Deutschland sind herzlich eingeladen, ein Poster auf dem Rotwildsymposium zu präsentieren. Bitte melden Sie Ihr Poster bis zum 24. Juni 2018 bei der Deutschen Wildtier Stiftung an.

Organisation

Dr. Andreas Kinser, Julia Wedekind & Hilmar Freiherr v. Münchhausen

 

Das 9. Rotwildsymposium wird gefördert durch