12 Leitsätze für die Zukunft der Jagd

Für viele Menschen beinhaltet Jagd Leidenschaft, Passion und vor allem Engagement – für unsere Flora und Fauna. Deswegen unterstützt die Deutsche Wildtier Stiftung die Initiative Waidgerechte Jagd. Sie steht für ein aufgeklärtes Bild der Jagd, das durch aktiven Tier- und Naturschutz Lebewesen, Gesellschaft und Jäger eint. Die Mission der Initiatoren ist, Jägern einen Wertekompass für ihre jagdliche Praxis und Nichtjägern Informationen über eine aufgeklärte und moderne Form der Jagd auf der Homepage zu bieten. Die Initiative hat 12 Leitsätze zur Waidgerechten Jagd entwickelt, die auf der Homepage vorgestellt und in Blogbeiträgen mit Leben gefüllt werden.

Stellungnahme der Deutschen Wildtier Stiftung zum Entwurf neuer Jagdzeiten in M-V

Ende November 2019 hat sich das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Mecklenburg-Vorpommern mit Vertretern von Umwelt-, Forst- und Jagdverbänden getroffen, um gemeinsame Strategien für waldangepasste Wildbestände zu entwickeln. Das am Ende der dreistündigen Veranstaltung erarbeitete Positionspapier wurde von der Deutschen Wildtier Stiftung nicht mit unterzeichnet. In dem nun vorgelegten Verordnungsentwurf des MLU zur Änderung der Jagdzeiten in M-V soll die Jagdzeit für wiederkäuendes Schalenwild weiter verlängert werden – Mecklenburg-Vorpommern würde damit die längsten Jagdzeiten Europas erhalten.

Die Stellungnahme der Deutschen Wildtier Stiftung zu dem vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommerns erarbeiteten Vorschlag, die Jagdzeiten in Mecklenburg-Vorpommern zu verlängern und die Nachtjagd auf Schwarzwild weiter zu erleichtern, finden Sie hier.

Rotwildreduktion im Lechtaler Tötungsgatter

Im Tiroler Lechtal, keine 10 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 33 Stück Rotwild in einem extra errichteten Wildgatter getötet. Fotos zeigen Tiere mit zum Teil gebrochenen Unterkiefern, die zusammengedrängt an einem Zaun liegen. Die Tötung erfolgte auf Anweisung des Landesverwaltungsgerichtes zur Eindämmung der Tuberkulose (TBC), die in diesem Gebiet laut Aussage der Behörden besonders häufig vorkommt. Tatsächlich sollen fünf der 33 getöteten Tiere infiziert gewesen sein, in anderen Revieren ist die TBC-Infektionsrate deutlich geringer.

Der Bürgermeister der Gemeinde hatte Ende Januar in einem Brief an den zuständigen Bundesminister Alternativen zur Tötung im Gatter vorgeschlagen. Noch am Wochenende hatten Tierschützer versucht, mithilfe von Schildern die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die geplante Aktion zur TBC-Seuchenbekämpfung zu lenken um die Tötung zu verhindern. Für Entsetzen hat nun die Art und Weise der Umsetzung gesorgt: Tirols Landesjägermeister Anton Larcher schrieb auf Facebook „In 45 Minuten wurde hier die Reputation unseres Landes massiv und international beschädigt.“

Einen Fernsehbeitrag zu den Geschehnissen in Kaisers im Lechtal sehen Sie hier.

Tatsächlich lassen die Bilder aus dem Tötungsgatter darauf schließen, dass die Aktion entgegen eines ersten Statements des Landesveterinärdirektors keineswegs „schonend und tierschutzgerecht“ abgelaufen ist. Tirols Vize-Landeshauptmann Josef Geisler äußerte sich bereits dahingehend, dass die Methoden der Tötungsgatter nicht mehr zeitgemäß und abzulehnen sei. Für ihn steht fest, dass Tirol derartige Gatterabschüsse künftig verbieten wird.

Wege zu einer tierschutzgerechten Rotwildreduktion

In dem betroffenen Revier im Tiroler Lechtal wurden seit längerem die Mindestabschüsse, die im Seuchenfall in Österreich nach nach dem Tierseuchenrecht und nicht nach dem Jagdrecht vorgegeben werden, nicht erfüllt. Im ablaufenden Jagdjahr konnten in der Gemeindejagd Kaisers von den 58 mindestens zu erlegenden Tieren nur 38 erlegt werden. Das Reduktionsziel bei Rotwild im Hegegebiet Lechtal beträgt derzeit 5,1 Stück pro 100 ha Rotwildlebensraum und ist damit im Vergleich zu den meisten Revieren in Deutschland relativ hoch.

Die offensichtlich tierschutzwidrige Tötung von Rotwild im Lechtaler Gatter ist sicherlich das extremste Beispiel für die Folgen, die eine fehlgeschlagene Reduktion von Rotwild haben kann. Wege zu einer tierschutzgerechten Rotwildreduktion hat die Deutsche Wildtier Stiftung auf ihrem 9. Rotwildsymposium aufgezeigt. Das zentrale Instrument einer als Projekt verstandenen Reduktion ist dabei die Spätsommerjagd auf Kahlwild.

Den Tagungsband „Der Rothirsch in der Überzahl“ können Sie hier bestellen.

Tierschutzbedenken gegen Nicht-Erlegung von Rotwild

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Um die Wildschweinbestände mit Blick auf die an den Grenzen Deutschlands stehende ASP zu reduzieren, sind den Jagdbehörden derzeit viele Mittel recht: Die Jagd mit Scheinwerfern oder Nachtzieltechnik sind ebenso wenig ein Tabu wie Prämien auf den Abschuss von Wildschweinen. Die oberste Jagdbehörde des Landes Brandenburg hat nun einen noch deutlich weitergehenden Vorschlag gemacht, durch den unter der Bedrohung durch die ASP allerdings nicht die Jagd auf Wildschweine intensiviert werden soll – sondern die auf Rehe und Hirsche. „Mit Begründung der ASP-Prävention möchte das grün-geführte Landwirtschaftsministerium in Potsdam die Jagdzeit auf Reh-, Dam- und Rotwild um anderthalb Monate bis zum 29. Februar verlängern“, sagt Dr. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtier Stiftung. In einem Schreiben vom 17.1. an die Jagdverbände in Brandenburg heißt es dazu lapidar, dass es „tierschutzrechtlich bedenklich“ sei, Rehe und Hirsche bei der Jagd auf Wildschweine nicht gleich mit zu erlegen, von denen es ja im Land sowieso zu viele gäbe. „Es ist schlicht unanständig, die ASP als Vorwand für eine intensivierte Jagd auf die von vielen Förstern ungeliebten Tierarten zu nutzen“, so Kinser weiter.

Mit Beginn der Setzzeit der Wildschweine etwa im Januar steigt auch die Gefahr von Fehlabschüssen führender Muttertiere, die ein Verwaisen und damit einen qualvollen Tod der Frischlinge zur Folge haben. Diese Gefahr ist gerade bei den sogenannten Drückjagden, die von der obersten Jagdbehörde im Land Brandenburg favorisiert werden, groß. Denn bei dieser Jagdart verlassen die Bachen häufig ihre gerade erst geborenen Frischlinge und kommen so einzeln und vermeintlich ohne Frischlinge vor die Schützen und werden erlegt. Die Deutsche Wildtier Stiftung empfiehlt zur ASP-Prävention dagegen in den Monaten Februar bis April vor allem die Jagd an Kirrungen, an denen selektiv die nicht-führenden bzw. männlichen Tiere erlegt werden können. Ganz im Gegensatz zu den Vorschlägen der obersten Jagdbehörde in Brandenburg sollte aus Sicht der Deutschen Wildtier Stiftung die Jagd auf reine Pflanzenfresser wie Reh- oder Rotwild ruhen, da jeder erhöhte Energieverbrauch der Tiere automatisch zu einem erhöhten Nahrungsbedarf und damit zu erhöhten Fraßeinwirkungen an der Waldvegetation führt.

Unter Rindern: Zweiter Rothirsch gesellt sich zu Galloway-Herde

Seit Jahren ist der Zuzug dänischen Rotwildes in das nördliche Schleswig-Holstein ungebrochen. In den Landkreisen Nordfriesland und Schleswig-Flensburg, die früher eher für ihre hohen Bestände an Niederwild bekannt waren, taucht immer wieder vereinzeltes Rotwild auf. Jährlich werden in beiden Landkreisen zusammen mittlerweile über 100 Tiere erlegt – Tendenz steigend. Sehr willkommen sind die Tiere dagegen auf Flächen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, die auf einem ehemaligen Standortübungsplatz nahe Flensburg auf über 300 Hektar eine halboffene Weidelandschaft mit Rindern und Koniks entwickelt hat. Das diese Landschaften den ursprünglichen Lebensräumen des Rotwildes in Europa entsprechen, zeigen mittlerweile zwei wild lebende Rothirsche, die sich der Galloway-Herde angeschlossen haben.

Schon seit über drei Jahren ist Rothirsch „Sven“ ein steter Begleiter der Rinderherde, der auch vor den Menschen kaum mehr Scheu zeigt. Neu hinzugezogen ist in diesem Jahr ein weiterer junger Rothirsch, der immer wieder die Nähe seines Artgenossen und vielleicht auch die der Rinder sucht. Ginge es nach dem Pächter der Flächen, dem Ökolandbaubetrieb Bunde Wischen, dann dürfte sich gerne langfristig ein Rotwildrudel auf den Flächen etablieren. Tunlichst meiden sollten die beiden jungen Rothirsche hingegen den Landkreis Nordfriesland: Dort wurden in der bisherigen Jagdsaison knapp 40 Stück Rotwild erlegt – darunter fast 35 Hirsche!

 

 

 

Freiheit für den Rothirsch in Baden-Württemberg!

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat am 11. Dezember die weltweit erste geröhrte Petition an Peter Hauk, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, übergeben. Doch statt Körben mit Unterschriftenlisten gab es einen Stick mit einer Audiodatei. Zu hören sind fast 10 Stunden Hirschröhren. „Mittlerweile fordern über 30.000 Naturfreunde mit uns gemeinsam mehr Lebensraum für den Rothirsch in Baden-Württemberg“, erläutert Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. Für die geröhrte Petition zählt jede Unterstützerstimme mit einer Sekunde Hirschröhren!

Rothirsch-Petition läuft weiter

Die Petition läuft auch nach der Übergabe der ersten 30.000 Stimmen weiter. Geben sie auf www.change.org weiterhin Ihre Stimme ab!

Bei der Übergabe zeigte sich der Minister zwar gesprächsbereit, verwies aber nur auf den noch nicht vorliegenden Managementplan für das Rotwild Gebiet Nordschwarzwald. „Wir brauchen nicht mehr Papier, sondern einen beherzten Schritt in eine neue Rotwildpolitik“, fordert der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung.

Mitte September startete die Deutsche Wildtier Stiftung ihre Online Petition auf www.HilfdemHirsch.org. Worum geht es bei der Petition? In Baden-Württemberg darf Deutschlands größtes Säugetier nur in fünf gesetzlich ausgewiesenen Rotwildgebieten leben. „Das sind gerade vier Prozent der Landesfläche“, kritisiert Münchhausen. „Außerhalb dieser fünf voneinander isolierten Rotwildgebiete müssen die Tiere erschossen werden. Wir fordern, die Lebensräume für den Rothirsch in Baden-Württemberg auszuweiten.“

Auch nach der Übergabe wird weiter um Unterschriften für den Rothirsch geworben, denn 2020 läuft die Rotwildrichtlinie des Landes Baden-Württemberg aus. Diese Richtlinie, die verhindert, dass sich die Tiere ausbreiten können, darf nicht einfach verlängert werden. „Wir werden mit allen Naturfreunden gemeinsam weiter dafür kämpfen, dass der Rothirsch zukünftig im ganzen Schwarzwald leben und neue Gebiete in Baden-Württemberg wie die Schwäbische Alb besiedeln darf“, so Münchhausen.

Argumente für die Abschaffung der Rotwildbezirke

Der Rothirsch kann im Gegensatz zu anderen Wildtieren seinen Lebensraum in Baden-Württemberg nicht selbst bestimmen. Eine Verordnung aus dem Jahr 1958 legt fest, wo der Rothirsch leben darf und wo nicht. Ein Lebensrecht hat der Rothirsch nur in fünf ausgewiesenen Rotwildbezirken. Alle Regionen außerhalb dieser Gebiete müssen per Totalabschuss hirschfrei gehalten werden. Die Rotwildbezirke umfassen weniger als 4% der Landesfläche, d.h. 96 % Baden-Württembergs sind ein „No Go Area“ für den Rothirsch. Die auf der Verordnung von 1958 aufbauende Rotwildrichtlinie läuft 2020 aus – eine Chance für eine bessere Rotwildpolitik!

Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert das Land Baden-Württemberg auf, die Rotwildbezirke abzuschaffen und dem Rothirsch mehr Lebensraum zu geben!

  • Ob Reh, Wildschwein oder Wolf – alle Wildtiere suchen sich für sie geeignete Lebensräume. Kommt es dabei zu Konflikten mit den Nutzungsinteressen des Menschen, müssen diese gelöst werden. Die Lösung darf jedoch nicht heißen, Wildtiere großflächig zu vernichten. Die durch den Nahrungsbedarf ausgelösten Fraßeinwirkungen des Rotwildes in der Feldflur und im Wald sind kein hinreichendes Argument, diese Tierart nur in winzigen „Reservaten“ zu dulden und sie außerhalb vollständig abzuschießen. Durch ein umfassendes Management unter Einbindung aller relevanten Akteure lassen sich Schäden in der Land- und Forstwirtschaft reduzieren, u.a. durch veränderte Jagdmethoden und das Schaffen von Äsungsflächen.
  • Der Rothirsch ist Teil unserer Artenvielfalt und trägt als großer wildlebender Pflanzenfresser zur Erhaltung der Biodiversität bei. Nahrungsaufnahme und Wanderbewegungen der Tiere schaffen Mikrohabitate und verbreiten Pflanzensamen. Auch der Verbiss oder das Schälen von Bäumen sind aus ökologischer Sicht keine Schäden.
  • Langfristig bleiben vitale Rotwildpopulationen nur erhalten, wenn ein genetischer Austausch möglich ist. Solange der Lebensraum der Tiere in Baden-Württemberg auf fünf kleine und untereinander nicht vernetzte Areale begrenzt wird, besteht die Gefahr einer Inzuchtdepression durch zunehmende genetische Verarmung.
  • Da der Rothirsch bevorzugt tradierte Wanderrouten nutzt, können mögliche Kollisionen im Straßenverkehr durch Wildbrücken u.a. auf Grundlage des für Baden-Württemberg existierenden Generalwildwegeplans reduziert werden.
  • Der Rothirsch sollte auch in Baden-Württemberg für Naturfreunde erlebbar werden. Es besteht zurzeit kaum eine Chance, den Rothirsch in freier Wildbahn zu beobachten. Dabei ist das Tier eng mit der Landeskultur verbunden und das Erlebnis großer Wildtiere stärkt und fördert die Sensibilität und Akzeptanz der Öffentlichkeit für den Arten- und Naturschutz. Aufbauend auf den Konzepten im Südschwarzwald und im Schönbuch sind vor allem Nationalparke und Biosphärengebiete gefordert, das Erlebnis von Wildtieren für den Menschen zu ermöglichen.

 

Kampagne „PLATZ-Hirsch“ gestartet!

Der Landesjagdverband Baden-Württemberg hat die Kampagne „PLATZ-Hirsch“ gestartet! Denn der Umgang mit dem Rotwild ist nach Ansicht des Verbandes im „Ländle“ nicht mehr zeitgemäß. Rotwild wird dort nur in fünf exakt abgegrenzten Gebieten geduldet. Dabei ist Rotwild sehr mobil – seine Wanderkorridore sind Grundlage für den Generalwildwegeplan, der für die Raumplanung in Baden-Württemberg inzwischen verbindlich ist. Trotzdem muss heute noch nahezu alles Rotwild außerhalb der definierten Gebiete erlegt werden.

Der Umgang mit dem Rotwild wird im Land durch eine Verordnung aus dem Jahr 1958 geregelt. Trotzdem sich in den 61 Jahren sehr vieles verändert hat, gilt die antiquierte Regelung nach wie vor. Der LJV fordert deshalb

  • Mehr Platz:                       4% der Landesfläche als Rotwildlebensraum sind zu wenig, eine Anpassung der Rotwildgebiete und die Möglichkeit der Erschließung neuer Lebensräume ist erforderlich,
  • Mehr Plan:                        Ganzheitliche Managementplanung für das ganze Land,
  • Mehr Respekt:                 Wildruhezonen sind wichtige Bestandteile dieser Planung,
  • Mehr Vielfalt:                  die ökologische Rolle von Rotwild, u.a. als Biodiversitätsstifter muss stärker berücksichtigt werden,
  • Mehr Verbund:               die stärkere Vernetzung von Lebensräumen und die Aufhebung des Abschussgebots außerhalb von Rotwildgebieten.

Nähere Informationen sowie ein Erklär-Video zum Rotwildmanagement in Baden-Württemberg finden Sie unter www.platzhirschbw.de .

Die Kampagne des Landesjagdverbandes Baden-Württemberg läuft parallel zu der online-Petition der Deutschen Wildtier Stiftung  zum Thema Rotwild in BW hinweisen: https://kurzelinks.de/9f90. 

Die beiden Kampagnen laufen parallel und unterstützen sich gegenseitig. Das gemeinsame Ziel ist es, die Situation des Rotwildes in Baden-Württemberg zu verbessern.

Neue Studie warnt vor Inzucht bei hessischem Rotwild

Genetikstudie Rotwild

Der Rothirsch ist in Hessen noch zahlreich vertreten. Doch Wildbiologen des Arbeitskreises Wildbiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen haben jetzt festgestellt: Es findet kaum ein Austausch zwischen den voneinander getrennten Populationen statt. 2018 wurde in Hessen das erste Tier mit einem verkürzten Unterkiefer entdeckt – einer Missbildung, die bei Inzucht auftritt. „In keiner einzigen Population Hessens reicht die genetische Vielfalt aus, damit sich Cervus elephus in der Zukunft an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann“, sagt Prof. Gerald Reiner, Hauptautor der neuen Studie und ergänzt: „Der langfristige Fortbestand unserer größten heimischen Wildtierart steht damit in Frage“.

Genetische Vielfalt als Teil von Biodiversität

Hessen ist eines von mehreren Bundesländern, in denen Rothirsche nur in sogenannten Rotwildbezirken existieren dürfen. Außerhalb dieser Gebiete müssen sie per Gesetz ausgerottet werden. „Sehr viel stärker als Autobahnen oder Eisenbahntrassen zerschneidet damit der Gesetzgeber die hessischen Rotwildlebensräume“ sagt Dr. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter Natur- und Artenschutz der Deutschen Wildtier Stiftung, die die Veröffentlichung der hessischen Genetikstudie unterstützt hat. „Die falsche Jagdpolitik trägt Verantwortung für den Rückgang von genetischer Vielfalt, die ein wesentlicher Teil von Biodiversität ist.“

Doch nicht nur Hessen macht den Rothirsch krank. In Baden-Württemberg darf der Rothirsch nur auf vier Prozent der Landesfläche – aufgeteilt in fünf gesetzlich festgelegten Rotwildbezirken – existieren. Um dem Rothirsch eine Stimme zu geben, hat die Deutsche Wildtier Stiftung die erste geröhrte Petition der Welt gestartet. Bereits über 25.000 Natur-und Artenschützer haben auf www.change.org/rothirsch für die Abschaffung von Rotwildbezirken unterzeichnet. „Der Verlust von genetischer Vielfalt ist unumkehrbar“, sagt Andreas Kinser. „Um das Steuer herumzureißen, muss die Politik jetzt endlich die natürlichen Wanderungen des Rothirsches zulassen.“

Bestellinformationen & Download

Die Studie „Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität“ ist ein Plädoyer für die Wiedervernetzung nicht nur der Rotwildpopulationen durch überregionalen Lebensraumverbund. Zugleich ist sie ein Beitrag zur Sicherung der Biodiversität und nebenbei ein Grundkurs in Populationsgenetik – zum Anfassen und Verstehen.

Die Studie zur „Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität“ können Sie hier herunterladen:

REINER, G. & WILLEMS, H. (2019): Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität. Brühlsche Universitätsdruckerei, Gießen,  ISBN 978-3-936802-28-3, 76 S.

Gegen eine Schutzgebühr in Höhe von 9,90 € inkl. Versandt können Sie die Studie in Broschürenform durch unser Bestellformular oder per Tel. 040 9707869 – 0 bestellen.

Ausgezeichnetes Projekt: Hirsche als Landschaftspfleger

Dass auch Rothirsche durch Beweidung zum Erhalt von ökologisch wertvollen Offenlandschaften beitragen können, verdeutlicht ein Projekt auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Das Projekt „Rothirsche als Landschaftspfleger“ wurde jetzt mit dem Preis der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Der 23.000 Hektar große Truppenübungsplatz Grafenwöhr nordöstlich von Nürnberg gehört zu den bundesweit wertvollsten Arealen des europäischen Schutzgebietsnetzes NATURA 2000. Zahlreiche gefährdete und vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind hier zuhause. Zudem besitzen einige Lebensräume auf dem Gelände gesamteuropäische Bedeutung. Aufgrund eines langfristigen, zielgerichteten Wildtiermanagements nutzt der dortige Rothirschbestand intensiv das vorhandene Offenland. Mit Hilfe des Projektes „Rothirsche als Landschaftspfleger“ konnte gezeigt werden, dass die Rothirschbeweidung maßgeblichen Einfluss auf Vegetationsentwicklung und Biodiversität der Lebensräume hat und gleichzeitig steuerbar ist.

Kombination aus Wissenschaft und Praxis

Naturnahe Offenlandlebensräume zu erhalten ist eine große Herausforderung für den Naturschutz. Als Landschaftspfleger haben sich extensiv gehaltene Nutztiere wie Rinder oder Schafe bewährt, diese können aber nicht überall eingesetzt werden. Mit dem fünfjährigen Projekt „Rothirsche als Landschaftspfleger“ gingen der Bundesforstbetrieb Grafenwöhr und seine Partner ganz neue Wege. Ihr innovativer Ansatz: den Rothirschbestand in den Offenlandbereichen zu konzentrieren und die Jagd dort auf wenige Tage im Jahr zu minimieren. In dem Projekt wurde überprüft, welchen Einfluss dies auf die Vegetationsentwicklung und die Biodiversität hat. Dazu statteten die Bundesförster 44 Rothirsche mit GPS-Sendehalsbändern aus. Das Ergebnis: Die Rothirschbeweidung auf dem Übungsplatz bewirkt den Erhalt von ökologisch wertvollen Offenlandlebensräumen und ist gleichzeitig Wegbereiter zahlreicher streng geschützter und gefährdeter Arten. Die Kombination von wissenschaftlich fundierten Belegen und dem Anwendungsbeispiel Grafenwöhr hat damit gezeigt, dass wildlebende Rothirsche einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt bedrohter Offenlandlebensräume leisten können.

Der im August 2019 erschienene Tagungsband der Deutschen Wildtier Stiftung zur tierschutzgerechten Rotwildreduktion enthält mehrere Beiträge aus dem Projekt „Rothirsche als Landschaftspfleger“. Näheres zu dem Tagungsband und die Bestellinformationen finden Sie hier. 

 

 

Win-Win für Wild und Wald

Auf dem heutigen „Nationalen Waldgipfel“ in Berlin, zu dem das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geladen hat, sollen Strategien für eine vitale Zukunft der deutschen Wälder gefunden werden. Dass damit auch eine große Chance zur Verbesserung der Lebensräume heimischer Wildtiere gegeben ist, unterstreicht die Deutsche Wildtier Stiftung in ihrem heute veröffentlichten Positionspapier „Wild und Wald“ zum Umbau der Wälder.

„Wälder sind sehr viel mehr als nur die Summe ihrer Bäume“, sagt Dr. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter Natur- und Artenschutz der Deutschen Wildtier Stiftung. „Wälder sind auch Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten.“ Mehr noch: Wälder werden umso artenreicher, je mehr offene und sonnendurchflutete Lichtungen vorhanden sind. Mit Weiden oder Zitterpappeln bewachsene Wegränder sind zum Beispiel ein Hotspot der Insektenvielfalt. Und Waldwiesen beherbergen eine Vielzahl seltener und auch vom Aussterben bedrohter Pflanzenarten, die auf landwirtschaftlich genutztem Grünland längst verschwunden sind. Ganz nebenbei tragen solche Strukturelemente in den Wäldern auch zur Entlastung der Baumvegetation vor Wildverbiss bei.

„In der Debatte um einen klimaangepassten Waldumbau wird von vielen Akteuren die drastische Reduktion der Reh- und Rothirschpopulationen gefordert“, so Kinser. Die Deutsche Wildtier Stiftung unterstreicht in ihrem Positionspapier „Wild und Wald“ jedoch, dass Jagd nur ein Baustein für das Gelingen des Waldumbaus sein kann. „Wenn der Waldumbau dazu genutzt wird, zukünftig mindestens ein Prozent der Waldfläche als besonders wertvollen Wildtierlebensraum vorzuhalten, könnten die aktuellen Waldschäden in einigen Jahren zu einer Win-win-Situation für Wild und Wald führen.“

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Wild und Wald – Positionspapier zum Umbau der Wälder unter Berücksichtigung ihrer Funktion als Lebensraum der Wildtiere