Aus ökologischere Sicht verursachen Huftiere keine Schäden, sondern Störungen. Beweidung und Tritt durch Rothirsche und andere Huftiere sind Störungen, die sehr häufig Ausgangspunkt für besonderen Artenreichtum und Biologische Vielfalt sind. Ein wichtiger Bestandteil ökosystemarer Prozesse ist außerdem die Zersetzung und der Abbau von tierischen Abfallprodukten – also von Aas und Kot. Durch die sogenannten Zoochorie übernehmen Huftiere die Verbreitung von Samen in Fell (Epizoochorie) und mit dem Kot (Endozoochorie).

ÖkoArtCervus - die ökologische Funktion von Schalenwild

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat aus Anlass ihres 8. Rotwildsymposiums in Baden-Baden im Jahr 2016 eine Literaturzusammenfassung zur ökologischen Funktion des Rothirsches veröffentlicht. Die Studie mit dem Titel „ÖkoArtCervus“ gibt einen Überblick über die komplexen ökologischen Zusammenhängen von Rotwild und anderen Huftieren und ihrer Umwelt und beschreibt ihren Nutzen für Artenvielfalt und ökologische Prozesse.

Schaden und Nutzen – eine Einleitung

Es gibt viele wissenschaftliche Veröffentlichungen aus der ganzen Welt, die sich mit den Auswirkungen des Verbeißens und des Schälens von Bäumen durch Wiederkäuer wie dem Rothirsch beschäftigen. Ihr Fokus liegt fast immer auf dem forstwirtschaftlichen Schaden, der durch Verzögerung und Entmischung der Verjüngung und Qualitätseinbußen am stehenden Holz entsteht. In der genutzten Kulturlandschaft hat diese Sichtweise unbestritten ihre Berechtigung. Doch gleichzeitig haben Waldbesitzer und Förster auch eine Verantwortung für die Schutz- und Erholungsfunktion ihrer Wälder. Dazu gehört, ein gewisses Maß von Wildeinfluss auf die Waldvegetation als einen natürlichen Prozess zu akzeptieren.

Glücklicherweise besteht der Lebensraum von Rotwild und anderen großen Huftieren in Deutschland nicht ausschließlich aus intensiv genutzter Kulturlandschaft. Ein mittlerweile auf rund 2,5 % der Landesfläche gewachsener Anteil Deutschlands entfällt auf Gebiete, die ausschließlich der Natur und ihren natürlichen Prozessen vorbehalten sind: die Nationalparke, einige große Naturschutzgebiete, die Flächen des Nationalen Naturerbes und die Kernzonen der Biosphärenreservate. Doch auf fast allen diesen Flächen werden Rotwild und andere Huftiere mit jagdlichen Methoden in ihrer Dichte begrenzt. Die Jagd wird meistens damit begründet, dass ohne sie die Waldentwicklung nicht im angestrebten Tempo erfolgt und ein hoher Wilddruck aus den Großschutzgebieten auf die umliegende Kulturlandschaft Konflikte herbeiführt. Es scheint, dass die großen Pflanzenfresser nur geduldet und nicht als Bestandteil des zu schützenden Ökosystems und der ökologischen Prozesse wahrgenommen werden. Aber ist es gerechtfertigt, dass Eichelhäher und Eichhörnchen als natürliche Waldbauern gefeiert werden, während der Rothirsch, der deutlich mehr Pflanzenarten verbreitet, in die Ecke des Schädlings gedrückt wird?

Beweidung: Baumaßnahme des Artenreichtums

Einfluss von Beweidung auf die Flora

Pflanzenfresser nehmen auf unterschiedliche Art und Weise Einfluss auf Pflanzengemeinschaften. Sie verzögern das Höhenwachstum und verschieben das Konkurrenzgefüge durch Selektion und Schwächung der Pflanzenvitalität. Doch Wälder bestehen nicht nur aus Bäumen. Nessing & Zwerbe (2002) stellten fest, dass durch den Verbiss des Gehölzbestandes die Lichtverfügbarkeit am Boden stieg und die Artenanzahl der Krautvegetation im Wald zunahm. Gill & Beardall (2001) haben 13 Publikationen hinsichtlich des Einflusses von Hirschen auf die Waldvegetation der gemäßigten Breiten überprüft. Im Ergebnis führt das Äsen von Büschen, Baumkeimlingen und Kletterpflanzen zu einem erhöhten Lichtanteil am Boden, der wiederum anderen Pflanzenarten die Möglichkeit zum Wachsen bietet. Der Unterwuchs wird stärker während die Diversität an Baumkeimlingen abnimmt. Nishizawa et al. (2016) beobachteten in ihrem Untersuchungsgebiet Hokkaido in Japan das Vorkommen von 43 Krautarten unter dem Einfluss von Sikahirschen (Cervus nippon yesonesis) – aber nur 35 Arten, wenn das Sikawild ausgeschlossen wurde.

Abb. 1: Besonders Hochstauden, Farne und Moose und Gehölzkeimlinge unter 20 cm wurden durch mittlere und hohe Beweidung gefördert. (Quelle: Hegland & Rydgren 2016)

Das unterschiedliche Fraßverhalten großer Pflanzenfresser ist ein wichtiger Aspekt für Heterogenität in der Landschaft und damit die Grundlage für Artenvielfalt. Reichmann & Kolshorn (2016) zeigten jüngst, dass Damwild für die Offenhaltung von Flächen im Brachter Wald in Nordrhein-Westfalen eine wichtige Rolle einnimmt. Im Schweizerischen Nationalpark wurde auf stark beweideten Flächen innerhalb von 30 Jahren eine Erhöhung der Pflanzendiversität um 250 % verzeichnet – auf selten beweideten Flächen blieb die Artenzahl konstant. Die Dominanz konkurrenzstarker Pflanzen wie z.B. der Rasenschmiele (Deschampsia caespitosa) wird durch den Fraßdruck verringert und konkurrenzschwache Arten bekommen die Möglichkeit, zu wachsen. Der zunehmende Artenreichtum und die zeitlichen Veränderungen in der Vegetation des subalpinen Graslandes korrelierten im hohen Maße mit der Rotwilddichte (Schütz et al. 2003).

Durch starke Beweidung können fertile, aber vorwiegend artenarme Offenflächen, in ihrer Qualität zwar langfristig abnehmen, zeitgleich aber artenreicher werden (Holtmeier 2015, S. 252). Dadurch nimmt die Äsungsattraktivität wieder ab und die Gehölzsukzession setzt wieder ein. Viele Studien bestätigen, dass durch den Einfluss von Herbivoren die natürliche Bewaldung nicht zwangsläufig aufgehalten, sondern lediglich verlangsamt wird (z.B. Manier & Hobbs 2006). Die große Bedeutung der selektiven Nahrungswahl von Rotwild zum Erhalt bärwurzreicher Magertriften in der Eifel beschreibt Petrak (1992): Der Fraßdruck, der beispielsweise auf die Zitterpappel durch das Rotwild ausgeübt wird, kann nicht durch gelegentliche Pflegeschnitte durch Menschenhand ausgeglichen werden.

Einfluss von Beweidung auf die Fauna

Durch Äsen des Unterwuchses beeinflusst Rotwild auch den Lebensraum anderer Wirbeltiere und wirbelloser Arten. So zeigten Feber et al. (2001) die positiven Auswirkungen von Beweidung auf Schmetterlingsarten in England und Schottland. Melis et al. (2006) führten Untersuchungen in Norwegen zu der Zusammensetzung der Laufkäfergesellschaften (Carabidae) im Zusammenhang mit dem Äsungsdruck auf die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) im Winter durch. Ein hoher Beweidungsdruck wirkte sich positiv auf die Häufigkeiten innerhalb der Käfergesellschaft aus. Auch Stewart (2001) untersuchte in Waldhabitaten des Tieflandes die Auswirkungen auf die Invertebratengesellschaft. Besonders thermophile Insekten und solche, die Blüten als Lebensgrundlage benötigen, profitieren vom Rotwild.

Heterogen gestaltete Habitate sind auch für viele Vogelarten besonders attraktiv. Fuller (2001) stellte fest, dass gerade Vogelarten des Offen- oder Halboffenlandes vom Rotwild profitieren, da ihnen die verlangsamte Gehölzsukzession gute Lebensbedingungen bietet. Im bereits erwähnten Brachter Wald in Nordrhein-Westfalen profitieren viele Vogel- und Insektenarten von den mosaikartigen und offenen Strukturen. Außerdem wurde hier eine hohe und weiterhin steigende Zahl an Pilzen festgestellt. Pflanzenarten der Heiden und Sandmagerrasen und eine große Zahl an Großfalterarten kommen hinzu (Reichmann & Kolshorn 2016).

Abb. 2: Im Brachter Wald profitieren viele Vogelarten von den mosaikartigen und offenen Strukturen, die das Damwild gestaltet (nach Reichmann & Kolshorn 2016).

Mit Schalen und Hufen: Vielfalt durch Störung

Schalenwild verursacht in seinem Lebensraum vielfältige Störungen, die zu Heterogenität und damit zu Biologischer Vielfalt beitragen. Bönsel (1999) beschreibt für ein Hochmoor in Mecklenburg-Vorpommern, wie Rot- und Schwarzwild durch Beäsung und Wühlaktivitäten lokal das Überwuchern der Torfmoorhabitate durch Gräser verhindern. Die dadurch entstanden Lücken und Schlenken sind lebenswichtige Bruthabitate für die Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarctica). Auch durch Suhlen entstandene Kleingewässer dienen Amphibien wie der gefährdeten Gelbbauchunke (Bombina variegata) zur Jungenaufzucht (Reck et al. 2009). Auf offenen Bodenstellen, die durch Tritt und Scharren entstehen, verändert sich das Mikroklima, wodurch besonders wärme liebende Insekten und Spinnen und viele Pflanzenarten gefördert werden. An solchen Stellen haben besonders annuelle, kleinwüchsige oder rosettenbildende Pflanzen eine erhöhte Keimungsrate im Vergleich zu nicht-gestörten Bodenbereichen (Pellerin et al. 2006). Reck et al. (2009) führen eine ganze Reihe verschiedener Trittflurenvertreter in der Vegetation auf. Pellerin et al. (2006) fanden ein doppelt so hohes Vorkommen von Rundblättrigem Sonnentau entlang von Trittschäden und Wildwechseln im Vergleich zu „schadlosen“ Bodenstellen. Im „Verzeichnis und Rote Liste der Moos- und Flechtengesellschaften Sachsens“ von Müller & Otte (2007) wird die seltene „Moosgesellschaft des feuchten Sandes” aufgeführt, die vor allem entlang von Wildwechseln und -suhlen in Mooren sowie entlang sandiger Wege vorkommen.

Zoochorie: Die Spediteure der Artenvielfalt

Reck et al. (2009) stellten fest, dass die meisten der Arten, die entlang von Wechseln oder an Trittstellen des Schalenwildes gefunden wurden, nicht der Samenbank des Bodens entstammen, sondern durch Ausbreitungsprozesse an den Ort der Keimung gelangten. Bis zu 60 % der Diasporen wurden durch Tiere transportiert – durch die sogenannte Zoochorie. Dabei haften die Diasporen entweder im Fell oder zwischen den Hufen der Tiere und werden mitgetragen (Epizoochorie) oder sie werden mit der Nahrung aufgenommen und mit dem Kot wieder ausgeschieden (Endozoochorie). Bei beiden Verbreitungswegen nehmen vor allem weit ziehende Tierarten eine Schlüsselrolle ein (Nathan et al. 2008). Allerdings ist bei der Endozoochorie die Ausbreitungsdistanz durch die Zeit, die der Samen benötigt um den Verdauungstrakt zu passieren (Retentionszeit), begrenzt. Aus einer Meta-Literaturstudie von Albert et al. (2015) ging hervor, dass Huftiere zoochor bis zu 44 % der vorhandenen Pflanzenarten verbreiten können. Dam- und Rotwild transportierten weniger Arten als Schwarzwild, jedoch mehr als Rehwild.

Aas und Kot: Orte voller Leben

Ein wichtiger Bestandteil ökosystemarer Prozesse ist die Zersetzung und der Abbau von tierischen Abfallprodukten – also von Aas und Kot (Barton et al. 2013, Gu et al. 2014, Towne 2000). Ein 2008 durchgeführtes Projekt in der Lieberoser Heide (Gu et al. 2010) verdeutlicht das Nahrungsnetz rund um Aas: Neben den erwarteten nekrophagen, also aasfressenden Arten wie Aaskäfer (Silphidae), Speckkäfer (Dermestidae) oder Knochenkäfer (Trogidae) wurden während der Studie am Aas von Hirsch, Wildschein und Reh auch Vertreter völlig unerwarteter Insektengruppen gefunden. Die Erstnutzer locken dabei die Folgenutzer oft erst an, denn viele dieser Insekten sind für eine Fülle von Vögeln und Säugetieren eine wichtige Nahrungsquelle (Moreno-Opo & Margalida 2013). Knochen sind wiederum ein wertvolles Substrat für das Lebermoos Cephaloziella divaricata und andere Arten wie die Flechte Thelocarpon magnoussonii (Gu & Krawczynski 2012).

Abb. 3: Anzahl von Arten und Familien, die an Kadavern von Rothirsch, Reh und Wildschwein gefunden wurden

Eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele Vogel- und Fledermausarten bilden wiederum Dungkäferzönosen (Stewart 2001). Durch den angestiegenen Antibiotikagebrauch bei Haustieren stellt der Dung von Haustieren jedoch kaum mehr eine Lebensgrundlage für koprophage Arten, also Arten, die sich von Kot anderer oder ihrem eigenen ernähren, dar (Reck et al. 2009). Die Rolle der Huftiere für den Erhalt koprophage Arten wird damit immer wichtiger.

Abb. 4: Nomen est omen: der Wildschweinkot-Zärtling (Psathyrella berolinensis) (Foto: J. Tillmann)

Fazit

Die Fülle der zusammengetragenen Literatur zeigt sehr deutlich: Rotwild und andere Huftiere erfüllen in ihrem Lebensraum einen wichtigen ökologischen Zweck und sind der Schlüssel für eine ganze Reihe ökologischer Prozesse. Die Aktualität vieler Studien zeigt hingegen, dass Schalenwild erst seit kurzer Zeit in den Fokus der Ökosystemforschung gerückt ist. Dabei ist die Frage, welcher Nutzen am größten sei, eher zu vernachlässigen. Denn Beweidung und Tritt, Samenverbreitung und Verwesung fördern völlig unterschiedliche Arten und Artgemeinschaften aus Flora und Fauna und tragen in ihrer Gesamtheit zu einem heterogenen und damit artenreichen Ökosystem bei. Der Umgang mit Schalenwild sollte daher vor allem in den Großschutzgebieten neu bewertet werden. Aber auch in unserer Normallandschaft, in der Beweidung manchmal zum Wildschaden wird, muss die ökologische Funktion von Schalenwild in seinem Lebensraum stärker als bisher anerkannt und geschützt werden. Denn die Schutzfunktion eines Wirtschaftswaldes betrifft nicht nur den Horst des Schwarzstorchs oder die Verjüngung der Eberesche, sondern auch den Lebensraum des lichtliebenden Waldlaubsängers. Ökologische Prozesse wie Zoochorie bedürfen weit wandernder Hirsche, dem die Ausweisung von Rotwildbezirken in vielen Bundesländern entgegenspricht. Und Artenreichtum entlang von Wildwechseln kann sich nur dort einstellen, wo Rotwild und andere wildlebende Huftiere regelmäßig ihre Fährte ziehen.

Literatur

Die in der Broschüre „ÖkoArtCervus“ verwendete Literatur finden Sie hier.

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