Einladung zum Online-Vortrag über Muttertierschutz auf Bewegungsjagden

Aufgrund der engen und langen Bindung zwischen Alttier und Kalb hat der Rotwildjäger eine besondere Verantwortung bei der Jagd auf Alttiere. Dies gilt vor allem für Bewegungsjagden, auf denen einzeln anwechselnde Alttiere erlegt werden dürfen. Diese Freigabe beruht meist auf der Annahme, dass Alttier und Kalb unzertrennlich sind und damit in der Regel gemeinsam anwechseln. Und sollte dann doch einmal entgegen dem gesetzlichen Eltern- oder Muttertierschutz (§ 22 Abs. 4 BJagdG) ein Alttier vor seinem Kalb erlegt worden sein, so das Kalkül vieler Jagdleiter, wird das verwaiste Kalb im Laufe der Jagd noch zur Strecke kommen.

Um zu überprüfen, wie hoch das Risiko des Verwaisens von Rotwildkälbern auf Bewegungsjagden ist, hat Olaf Simon, Mitbegründer und geschäftsführender Mitarbeiter am Institut für Tierökologie und Naturbildung in Hessen, den Gesäugestatus und die verwandtschaftlichen Beziehungen von bei Bewegungsjagden erlegten Alttieren und Kälbern analysiert. Die Ergebnisse dieser im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung durchgeführten Studie werden nun auf einem Online-Vortrag erstmals vorgestellt.

„Risiko von Kälberwaisen bei Rotwild auf Bewegungsjagden – erste Ergebnisse einer Fallstudie“

am 07. Oktober 2021

von 17.00 bis 18.30 Uhr

Die Teilnahme ist kostenlos und alle Interessierten sind herzlich willkommen! Den Link zur Teilnahme senden wir Ihnen direkt nach Ihrer Anmeldung per E-Mail zu. Zur Anmeldung gelangen Sie hier:

Hintergrund

Bewegungsjagden sind im deutschsprachigen Raum eine übliche Jagdmethode, um störungsarm und effizient zu jagen und Rotwildbestände während kurzer Jagdzeiten im Herbst regulieren zu können. Die Freigabe umfasst dabei häufig Alttiere, die einzeln anwechseln und deren Verhalten darauf schließen lässt, dass sie nicht oder nicht mehr führen. SIMON & LANG (2019; im Tagungsband des 9. Rotwildsymposiums) gingen der Frage nach, wie groß der Anteil nicht-führender bzw. als Dublette mit ihrem Kalb erlegter Alttiere auf Bewegungsjagden ist und untersuchten dazu den Gesäugestatus von 368 in den Jahren 2006 bis 2017 auf Bewegungsjagden erlegten Alttieren. Dabei stellen die Autoren fest, dass nur etwa jedes fünfte auf Bewegungsjagden erlegte Alttier tatsächlich nicht mehr laktierend war. Über 50 % aller erlegten Alttiere waren am Tag der Jagd noch führend während das Schicksal ihrer Kälber gleichzeitig unbekannt blieb. Damit blieb auch unklar, ob der gesetzlich verankerte Muttertierschutz in diesen Fällen eingehalten wurde. Objektive Fakten, ob die führungslos gewordenen Kälber tatsächlich noch im Jagdverlauf erlegt werden, fehlten dazu bisher. Mittels genetischer Analyse von auf Bewegungsjagden gewonnenen Alttier- und Kalbproben konnte in der Fallstudie des Instituts für Tierökologie und Naturbildung nun erstmals geklärt werden,

  1. wie viele am Jagdtag führungslos gewordener Kälber den Jagdtag überlebt haben und verwaist zurück geblieben sind und
  2. wie hoch der Anteil derjenigen als Kalb-Alttier-Dubletten angegebenen Erlegungen ist, bei denen zwischen den erlegten Tieren keine direkten Verwandtschaftsbeziehungen vorhanden sind.

Um dem biologisch so wichtigen Muttertierschutz beim Rotwild gerecht zu werden, fordert die Deutsche Wildtier Stiftung bereits seit Jahren, auf die Freigabe einzeln anwechselnder Alttiere auf Bewegungsjagden im Oktober und November zu verzichten. Gleichzeitig plädiert sie für eine intensive Spätsommerjagd auf Kahlwild mit erfahrenen Jägern, um durch Kalb-Alttier-Dubletten noch vor der Brunft Alttiere tierschutzgerecht zu erlegen.

Zwei Jahre neue Hessische Rotwildrichtlinie

Seit zwei Jahren gilt eine neue „Richtlinie für die Hege und Bejagung des Schalenwildes in Hessen“, die die schwarz-grüne Landesregierung verabschiedet hatte. Damit einher gingen einige markante Neuerungen: Zum Beispiel endet die Jugendklasse beim männlichen Wild nach der neuen Rotwildrichtlinie nun nicht mehr beim 4- sondern beim 5-jährigen Hirsch und die mittelalten Hirsche (6 bis 9jährig) sollen nicht mehr wie bisher voll geschont werden. Außerdem sieht die neue Richtline pauschale Abschussplanerhöhungen in bestimmten Schadsituationen vor. Diese neue Wildschadensregelung kam in den beiden vergangenen Jahren bereits mehrfach zum tragen. Nun hat das Ministerium die Jahresjagdstrecken für das Jagdjahr 2020/ 21 und damit für das zweite Jagdjahr unter der neuen Rotwildrichtlinie vorgelegt: Die Jagdstrecke betrug im vergangenen Jahr 8266 Tiere, vor fünf Jahren waren es noch 6880. Allerdings wurde die geplante Jahresstrecke wie bereits in den Jahren zuvor nicht erfüllt. Aus einer parlamentarischen Anfrage der FDP-Landtagsabgeordneten Wiebke Knell an Umweltministerin Priska Hinz (Bündnis 90/ Die Grünen) geht hervor, dass vor allem weniger Alttiere wie vorgegeben von den Jägern erlegt wurden. Im Jagdjahr 19/ 20 sollten 2.069 Alttiere erlegt werden – inkl. Fallwild lag die Strecke jedoch bei nur 1.433 Stücken. Im vergangenen Jagdjahr wurde der Abschuss von 1.969 adulten weiblichen Tiere festgelegt, erlegt wurden samt Fallwild nur 1.425.

Anteil männlichen Wildes an der Jagdstrecke durch neue Rotwildrichtlinie gestiegen

Ein etwas genauerer Blick auf die Abschussverteilung verrät, das der Anteil von Alttieren auf der Jagdstrecke von seinerzeit 17 % im Jagdjahr 2015/ 16 auf nun 14 % gesunken ist. Während eines Reduktionsprojektes sollten allerdings möglichst mehr als 20 % der Gesamtstrecke aus tierschutzgerecht erlegten Alttieren bestehen. Gleichzeitig ist der Anteil männlicher Tiere an der Gesamtstrecke unter der neuen Rotwildrichtlinie von seinerzeit 43 auf nun 47 % gestiegen. Oder anders ausgedrückt: Während die Jagdstrecke der Alttiere in den letzten fünf Jahren nur um  7 % gestiegen ist, ist sie bei den mittelalten Hirschen um 86% und bei den jungen Hirschen um 67 % gestiegen. Das mit einem stärkeren Hirschabschuss langfristig keine Rotwildpopulation reduziert werden kann, ist indes jedem Milchmädchen klar. Es ist daher keinesfalls sicher, dass die höheren absoluten Abschusszahlen in Hessen zu einer nachhaltigen Reduktion der Bestände führen werden. Genauso gut möglich ist, dass die Bestände wegen der im Verhältnis geringeren Alttier-Strecke noch länger auf hohem Niveau bleiben und sich nur die jagdliche Intensität aufgrund der hohen Abschussvorgaben erhöht. Dann würde sich zwangsläufig auch die Waldschadenssituation weiter zuspitzten, was qua Richtlinie automatisch zu weiter steigenden Abschussvorgaben führen wird – ein klassischer Teufelskreis.

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat der Jagdzeitschrift „Wild und Hund“ im Frühjahr 2019 ein Interview zu der neuen Schalenwildrichtlinie in Hessen gegeben. (Zu dem Interview gelangen Sie hier.) Da die Freigabe einzelner Alttiere auf Bewegungsjagden ein hohes Risiko für das Verwaisen von Rotwildkälbern darstellt, plädiert die Deutsche Wildtier Stiftung für den Fall einer beschlossenen Bestandesreduktion für eine intensive Spätsommerjagd auf Kahlwild mit erfahrenen Jägern. Durch Kalb-Alttier-Doubletten können so noch vor der Brunft viele Alttiere tierschutzgerecht erlegt werden.

Downloads

Kinser, A.; Wölfing, B.; Münchhausen, H.Frhr.v.; Gräber, R. & Siebert, U. (2020): Abschussstruktur für Reduktionsprojekte beim Rotwild. AFZ-Der Wald 9/2020, 34-37.

BAD DRIBURGER ERKLÄRUNG der Deutschen Wildtier Stiftung: Empfehlungen zur Reduktion von Rotwildbeständen unter Einhaltung des Tierschutzes aus Anlass des 9. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung (2018)

 

 

 

Von Rotwildgenetik bis Ornithologie: Passion eines Multitalentes

Gerald Reiner ist ein Multitalent: Er ist Veterinär aus Berufung, Wildbiologe aus Überzeugung und Wildtierfotograf aus Passion. Die große Bandbreite seines Könnens hat er allein in den letzten Tagen eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Mit einem Podcast über die drohende Gefahr der genetischen Verarmung hessischer Rotwildpopulationen auf der einen Seite und der Veröffentlichung eines faszinierenden Fotobandes über die „Gefiederte Biodiversität Deutschlands und Europas“ auf der anderen Seite. Der profilierte Genetiker Gerald Reiner entpuppt sich damit nicht nur als Mahner für die Vernetzung von Lebensräumen weit wandernder Arten wie dem Rothirsch, sondern auch als Anwalt unserer Avifauna. Denn Rebhuhn, Kiebitz und andere Offenlandarten werden leider bald verschwunden sein, wenn sich die derzeitige Bewirtschaftung unserer Agrarlandschaften nicht ändern wird.

Studie zur Rotwildgenetik

Was bedeutet eine Inzuchtdepression? Wie lange sind genetisch verarmte Populationen überlebensfähig und welche Rolle spielt dabei die Jagd? Diese und viele andere Fragen beantwortet Professor Reiner in einem Interview, das er mit Markus Stifter, dem Macher hinter jagdtalk.de, gehalten hat. Hintergrund ist die Studie zur „Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität“, die Reiner 2019 in Zusammenarbeit mit der Deutschen Wildtier Stiftung herausgebracht hat. Die Studie ist ein Plädoyer für die Wiedervernetzung nicht nur der Rotwildpopulationen durch überregionalen Lebensraumverbund sondern auch ein Beitrag zur Sicherung der Biodiversität. Ganz nebenbei ist sie ein Grundkurs in Populationsgenetik – zum Anfassen und Verstehen.

Den Podcast zur Rotwildgenetik finden Sie hier.

Die Studie zur „Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität“ können Sie hier herunterladen oder bestellen.

Gefiederte Biodiversität Deutschlands und Europas

Mit seiner Dokumentation über die „Gefiederte Biodiversität Deutschlands und Europas“ nimmt Gerald Reiner seine Leser indes mit auf eine faszinierende Reise, die in den alpinen Landschaften der Telemark in Südnorwegen beginnt, sich über die verschiedenen Lebensräume Deutschlands fortsetzt und schließlich im spanischen Teil der Pyrenäen endet. Mehr als 120 Vogelarten aus 21 Lebensräumen und deren Artbeschreibungen setzt Reiner auf 312 Seiten in Szene, alle 300 großformatigen Fotos sind ausschließlich in der freien Wildbahn Europas entstanden. Dem Schreiadler, für den die Deutsche Wildtier Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern Lebensraum schafft, ist ein exklusives Arten-Porträt gewidmet.

Neben ausführlichen Beschreibungen von (A)uerhuhn bis (Z)wergdommel weist Reiner auch immer wieder auf die Bedrohungssituation vieler Vögel und die Notwendigkeit für Schutzmaßnahmen hin. Damit erweist sich der profilierte Genetiker Gerald Reiner nicht nur als Mahner für die Vernetzung von Lebensräumen weit wandernder Arten wie dem Rothirsch, sondern auch als Anwalt unserer Avifauna.

Einen Blick ins Buch und die Bestellinformationen zum Fotoband finden Sie hier.

Gefiederte Biodiversität

Genetische Differenzierung von Rotwildpopulationen ist menschengemacht

In einem gerade erschienen Artikel im European Journal of Wildlife Research beschreiben Gerald REINER und Kollegen die genetische Differenzierung zwischen 19 Rotwildbezirken in Hessen. Dafür wurden insgesamt 1.291 Rotwildproben gesammelt und mit 16 Mikrosatellitenmarkern genotypisiert. Die Ergebnisse zeigen insgesamt eine hohe genetische Differenzierung zwischen den meisten Rotwildbezirken. Vierzehn von ihnen lassen sich zu vier Regionen zusammenfassen, in denen regelmäßiger genetischer Austausch vorhanden ist. Fünf Gebiete sind weitgehend isoliert oder zeigen nur einen begrenzten Genfluss mit benachbarten Gebieten. Die effektive Populationsgröße, dass heißt die Anzahl der Tiere, die tatsächlich an der Reproduktion teilnehmen, war in zehn der 19 Rotwildbezirken geringer als 100. Die zur Aufrechterhaltung des evolutionären Potenzials erforderliche effektive Populationsgröße von mindestens 500 bis 1.000 Tieren wurde weder in den vier zusammengefassten Regionen mit genetischem Austausch, geschweige denn in den einzelnen Rotwildbezirken erreicht. Bereits 2019 hatten REINER & WILLEMS in einer durch die Deutschen Wildtier Stiftung unterstützten Veröffentlichung auf die Notwendigkeit zur Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität hingewiesen.

Die hohe genetische Differenzierung zwischen den Rotwildbezirken in Hessen kann mit dem Vorhandensein von Landschaftsbarrieren wie zum Beipiel Flüssen aber auch mit der Durchsetzung von „rotwildfreien“ Gebieten in Verbindung gebracht werden. Beides verhindert den Genfluss zwischen benachbarten Populationen. Um die genetische Vielfalt der Populationen und damit ihre Anpassungsfähigkeit an zum Beispiel klimatische Entwicklungen zu erhalten, sollte die genetische Konnektivität zwischen den Populationen verbessert werden. Maßnahmen dafür wären z.B. die Errichtung von Wildbrücken über unüberwindliche Verkehrstrassen und die grundsätzliche Schonung von jungen männlichen Individuen, die zwischen den gesetzlich festgelegten Rotwildbezirken wandern.

Den vollständigen Artikel im European Journal of Wildlife Research lesen Sie hier.

Reiner, G.; Klein, C.; Lang, M. & Willems, H. (2021): Human-driven genetic differentiation in a managed red deer population. European Journal of Wildlife Research, volume 67, Article number: 29.

 

Neue Studie warnt vor Inzucht bei hessischem Rotwild

Genetikstudie Rotwild

Der Rothirsch ist in Hessen noch zahlreich vertreten. Doch Wildbiologen des Arbeitskreises Wildbiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen haben jetzt festgestellt: Es findet kaum ein Austausch zwischen den voneinander getrennten Populationen statt. 2018 wurde in Hessen das erste Tier mit einem verkürzten Unterkiefer entdeckt – einer Missbildung, die bei Inzucht auftritt. „In keiner einzigen Population Hessens reicht die genetische Vielfalt aus, damit sich Cervus elephus in der Zukunft an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann“, sagt Prof. Gerald Reiner, Hauptautor der neuen Studie und ergänzt: „Der langfristige Fortbestand unserer größten heimischen Wildtierart steht damit in Frage“.

Genetische Vielfalt als Teil von Biodiversität

Hessen ist eines von mehreren Bundesländern, in denen Rothirsche nur in sogenannten Rotwildbezirken existieren dürfen. Außerhalb dieser Gebiete müssen sie per Gesetz ausgerottet werden. „Sehr viel stärker als Autobahnen oder Eisenbahntrassen zerschneidet damit der Gesetzgeber die hessischen Rotwildlebensräume“ sagt Dr. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter Natur- und Artenschutz der Deutschen Wildtier Stiftung, die die Veröffentlichung der hessischen Genetikstudie unterstützt hat. „Die falsche Jagdpolitik trägt Verantwortung für den Rückgang von genetischer Vielfalt, die ein wesentlicher Teil von Biodiversität ist.“

Doch nicht nur Hessen macht den Rothirsch krank. In Baden-Württemberg darf der Rothirsch nur auf vier Prozent der Landesfläche – aufgeteilt in fünf gesetzlich festgelegten Rotwildbezirken – existieren. Um dem Rothirsch eine Stimme zu geben, hat die Deutsche Wildtier Stiftung die erste geröhrte Petition der Welt gestartet. Bereits über 25.000 Natur-und Artenschützer haben auf www.change.org/rothirsch für die Abschaffung von Rotwildbezirken unterzeichnet. „Der Verlust von genetischer Vielfalt ist unumkehrbar“, sagt Andreas Kinser. „Um das Steuer herumzureißen, muss die Politik jetzt endlich die natürlichen Wanderungen des Rothirsches zulassen.“

Bestellinformationen & Download

Die Studie „Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität“ ist ein Plädoyer für die Wiedervernetzung nicht nur der Rotwildpopulationen durch überregionalen Lebensraumverbund. Zugleich ist sie ein Beitrag zur Sicherung der Biodiversität und nebenbei ein Grundkurs in Populationsgenetik – zum Anfassen und Verstehen.

Die Studie zur „Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität“ können Sie hier herunterladen:

REINER, G. & WILLEMS, H. (2019): Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild als Beitrag zur Biodiversität. Brühlsche Universitätsdruckerei, Gießen,  ISBN 978-3-936802-28-3, 76 S.

Gegen eine Schutzgebühr in Höhe von 9,90 € inkl. Versandt können Sie die Studie in Broschürenform durch unser Bestellformular oder per Tel. 040 9707869 – 0 bestellen.

Tagungsband zur tierschutzgerechten Rotwildreduktion veröffentlicht

Mit „Der Rothirsch in der Überzahl“ hat die Deutsche Wildtier Stiftung Anfang August ein Buch über die Rotwildreduktion unter Einhaltung des Tierschutzes veröffentlicht. Die Publikation dokumentiert die Vorträge und Diskussionen des 9. Rotwildsymposiums, das 2018 in Bad Driburg stattgefunden hat. Den 200 Seiten umfassenden Band erhalten Sie gegen eine Schutzgebühr in Höhe von 14,90 € inkl. Versandkosten unter Telefon 040 9707869-0 oder über unser Bestellformular.

In den über 25 Jahren ihres Bestehens hat die Deutsche Wildtier Stiftung kein Wort über die Dichte von Rotwildpopulationen verloren. Maßstab ihres Engagements war, ist und bleibt das Wohlbefinden der überlebenden Population. Und gerade deshalb war das Thema des 9. Rotwildsymposiums, die tierschutzgerechte Rotwildreduktion, geradezu ein Paradethema für die Deutsche Wildtier Stiftung. Denn Rotwildreduktion bedeutet sehr viel mehr als heiß geschossene Gewehrläufe! Es ist verantwortungslos, dass sich bisher weder Waldeigentümer- oder Forstverbände noch Natur- oder gar Tierschutzverbände mit den vielfältigen Herausforderungen bei der Reduktion von Rotwildpopulationen auseinandergesetzt haben.

Tagungsband Rotwildreduktion

Der Tagungsband des 9. Rotwildsymposiums zeigt Hintergründe der Populationsdynamik beim Rotwild sowie Voraussetzungen und Jagdstrategien, um Rotwildpopulationen tierschutzgerecht in einem begrenzten Zeitraum zu reduzieren. Dazu gehören weder verlängerte Jagdzeiten noch die Nachtjagd. Eine als Projekt und nicht als Dauerzustand begriffene Rotwildreduktion gelingt in kompetenten und durchsetzungsfähigen Hegegemeinschaften. Ihr wichtigstes Instrument ist die Spätsommerjagd zur Erlegung von Kalb-Alttier-Doubletten. 

Inhalt des Tagungsbandes

Bad Driburger Erklärung: Empfehlungen zur Reduktion von Rotwildbeständen unter Einhaltung des Tierschutzes

Grusswort (Prof. Dr. Fritz Vahrenholt; Alleinvorstand Der Deutschen Wildtier Stiftung)

Wieviel ist zu viel?

Nachhaltige Jagd oder tierschutzgerechte Reduktion? Der schmale Grat zwischen viel und zu viel (Hilmar Freiherr v. Münchhausen)

Wann ist „viel“ zu viel? Zur Bedeutung der Rotwilddichte im Rahmen eines zeitgemässen Managements (Sven Herzog)

Wieviel ist viel? Methoden und Ergebnisse moderner Schalenwilderfassung (Reinhild Gräber)

Faktoren der Populationsdynamik

Geschlechterverhältnis der Kälber – kein Zufall beim Rotwild (Sebastian G. Vetter & Walter Arnold)

Auswirkungen der Abschussstruktur auf die Populationsentwicklung beim Rotwild (Andreas Kinser, Benno Wölfing, Hilmar Freiherr V. Münchhausen, Reinhild Gräber & Ursula Siebert)

Vom Wissen zum Handeln: Praxiserfahrungen für eine tierschutzgerechte und erfolgreiche Rotwildreduktion

Der tierschutzgerechte Alttier-Abschuss: Schlüssel zur Reduktion (Fritz Völk & Josef Zandl)

Tierschutzgerechte Alttierbejagung auf Bewegungsjagden: Bestandsaufnahme des Gesäugestatus erlegter Alttiere (Olaf Simon & Johannes Lang)

Jagdliche Infrastruktur und jagdlicher Verzicht: Schlüssel für eine effektive Einzeljagd (Burkhard Stöcker)

Erfolgreiche und tierschutzgerechte Rotwildreduktion im Südschwarzwald (Hubert Kapp)

Einfluss auf die Bestandsdynamik beim Rotwild in der Hegegemeinschaft Rothemühl (Michael Hock)

Konflikte und Lösungswege im Rotwildverbreitungsgebiet „Senne-Teutoburger Wald-Egge“ (Michael Petrak, Martin Müller & Alexander Klug)

Die tierschutzgerechte Rotwildreduktion aus Sicht…

…der Jagdverbände (Gundolf Bartmann)

…der Grundeigentümer (Clemens Freiherr v. Oer)

wissenschaftliche Kurzbeiträge

40 Jahre Rothirschmarkierung und -besenderung als Grundlage für das Management (Flurin Filli & Hannes Jenny)

Telemetrische Untersuchungen zur Interaktion von Alttier und Kalb beim Rotwild – eine individual-basierte Pilotstudie (Ulf Hettich & Ulf Hohmann)

Alte Hirsche – wie viele sollten es sein? (Dieter Holodynski)

Praxisbeispiele zur Anwendung der Scheinwerfertaxation aus drei unterschiedlichen Rotwildlebensräumen und Bundesländern (Karsten Hupe & Olaf Simon)

Beweidung mit wildlebenden Rothirschen: Auswirkung der Nahrungsqualität auf die Raumnutzung (Laura Richter, Christoph Raab, Friederike Riesch, Johannes Signer, Bettina Tonn, Marcus Meissner, Horst Reinecke, Sven Herzog, Johannes Isselstein & Niko Balkenhol)

Beweidung mit wildlebenden Rothirschen: Effektives Management zum Erhalt von FFH-Grünland? (Friederike Riesch, Bettina Tonn, Christoph Raab, Laura Richter, Johannes Signer, Horst Reinecke, Marcus Meißner, Sven Herzog, Niko Balkenhol & Johannes Isselstein)

Wildbestandserfassung als Aufgabe und Basis für die Arbeit von Hegegemeinschaften – Beispiele aus der Praxis (Olaf Simon, Johannes Lang & Karsten Hupe)

Protest gegen Isolation von Rothirschpopulationen

Im Osten des Großraum Kölns in der Stadt Overath stößt die Planung eines Gewerbegebietes auf Widerstand: Das Gewerbegebiet an den Sülzeauen würde die Wanderrouten der Rotwildpopulationen in der Wahner Heide und des Königsforstes nach Osten endgültig abschneiden, die Populationen isolieren und den Biotopverbund gefährden. Eingezwängt zwischen Autobahnen und Siedlungen in der bevölkerungsdichtesten Region Europas wäre die Folge dieser Isolation des Rotwildes die Unterbindung des genetischen Austausches und damit Inzucht in den Populationen. Mit erheblichen Mitteln wurde bereits über die A 3 und die L 284 Wildbrücken errichtet, um den Biotopverbund des Rotwildgebiets der Wahner Heide und des Königsforst zu erhalten. Die Bauvorhaben würden diese Bemühungen jedoch unterlaufen.

Auf dem Treffen zum „3. Overather Jagdforum“ zeigten sich die Teilnehmer einig, dass die Pläne der Stadt nicht mit dem Biotopverbund vereinbar sein. Der vornehmlich durch die örtliche Jägerschaft organisierte Protest wurde durch Expertenbeiträge unterstützt. Unter anderem stellte Herr Dr. Petrak, Leiter der Forschungsstelle für Wildtierkunde und Wildschadensverhüttung in Bonn, die bisherigen Erfolge der Wildbrücken zum Biotopverbund da.

Den Bericht des Kölner Stadt Anzeigers zum „3. Overather Jagdforum“ finden Sie hier.

Biotopverbund

Der Biotopverbund dient der dauerhaften Sicherung der Populationen wild lebender Tiere und Pflanzen einschließlich ihrer Lebensstätten und ist im § 21 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) festgeschrieben. Rotwild ist durch seine weiten Wanderungen eine Leitart für den Biotopverbund. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert seit langem, Rotwild-Lebensräume großräumig zu vernetzen und ihre Beschränkung auf Rotwildbezirke zu beenden. Wenn Rotwild ungehindert wandern dürfte, könnten Trittsteinbiotope und Wildbrücken die Vernetzung weiter von einander entfern lebender Rotwildpopulationen ermöglichen.

Forschung zur Rotwildgenetik in Mittelhessen

(hr-iNFO/ Frankfurter Neue Presse vom 13.1.18) Bereits vor über 30 Jahren gab es erste Anzeichen, dass die Rotwildgenetik in Mittelhessen verarmt. Damals stellten Wissenschaftler im Krofdorfer Forst nördlich von Gießen und Wetzlar fest, dass die genetische Vielfalt zurückgeht. Gemeinsam mit den Rotwild-Hegegemeinschaften im Krofdorfer Forst, im Lahn- und im Dill-Bergland sowie im hohen und nördlichen Vogelsberg wurden nun von Forschern der Uni Gießen erneut Gen-Proben von 300 erlegten Stücken Rotwild ausgewertet. Das Ergebnis: Die Vielfalt der Rotwildgenetik ist besonders im Krofdorfer Forst und im nördlichen Vogelsberg noch weiter zurückgegangen.

Die Tiere haben durch den Verlust der genetischen Vielfalt immer weniger Möglichkeiten, sich an langfristige Umweltveränderungen anpassen. „Wenn wir das mit einem Kartenspiel vergleichen, dann fehlt den Hirschen mittlerweile ein As im Ärmel“, erklärt Professor Gerald Reiner, Veterinärmediziner an der Universität in Gießen und Leiter der Studie. Mittelfristig gefährde das ihre Gesundheit. Eine Ursache für den Genverlust sehen die Wissenschaftler in Autobahnen und anderen stark befahrenen Straßen, die den Genaustausch der Populationen behindern. Reiner zufolge sind besonders die Verbindung zwischen Gießen und Wetzlar sowie die A5 problematisch. Die fünf Hegegemeinschaften der Region fordern daher, Wild- oder Grünbrücken zu bauen, um dem Rotwild das Wandern zwischen den Gebieten wieder zu ermöglichen. Darüber hinaus sollen Ruhezonen geschaffen werden, in denen weder Jäger noch Waldbesucher das Wild stören sollen.

Junger Hirsche als Retter der Rotwildgenetik

Außerdem fordern die Hegegemeinschaften eine Änderung des Hessischen Jagdgesetzes, nach dem junge Hirsche bisher in den Korridoren zwischen den Rotwildgebieten geschossen werden müssen. Denn zwischen diesen Arealen ist das Wild aus forstlichen Gründen weitestgehend unerwünscht. Das sei aber ebenfalls schlecht für die Vielfalt der Genetik vom Rotwild, da vor allem junge Hirsche wandern. „Wenn man schon solche getrennten Populationen bildet, dann muss man auch dafür sorgen, dass ein Austausch besteht“, betont Gerald Reiner. Die massive Reduktion des Bestandes in den 80ern wirke sich bis heute ebenfalls fatal auf die genetische Vielfalt aus. „Wir wollen auch zukünftigen Generationen den Wildbestand erhalten“, ist Reiners Credo. Dabei geht es ihm nicht nur um den Rothirsch. „Wenn das Rotwild nicht durchkommt, dann gilt das für andere Arten umso mehr“, warnt er. So lässt sich von den Erkenntnissen der Studie auch auf andere Tiere schließen und Verbesserungsmaßnahmen zum Austausch der Rotwildgenetik kommt auch anderen Arten wie dem Luchs oder der Wildkatze zugute.

Die Studie zur Rotwildgenetik soll nun auf ganz Hessen ausgedehnt werden. Dazu sammelt das Forschungsteam in der aktuellen Jagdsaison Proben von geschossenen Tieren aus dem ganzen Bundesland.

Zum vollständigen Artikel in der Hessenschau gelangen Sie hier.

Zum vollständigen Artikel in der Frankfurter Neuen Presse gelangen Sie hier.

 

 

 

 

Im Wald gibt es kaum noch Schäden

(Badische Zeitung vom 23.9.2017) Im Jahr 2008 hat sich die Arbeitsgemeinschaft Rotwild im Südschwarzwald zum ersten Mal getroffen. Damals diskutierten Jäger, Vertreter der Forstverwaltung, der Wald- und Landwirtschaft, des Tourismus und des Tier- und Naturschutzes über die Schäden, die auf Grund eines hohen Wildbestandes verhältnismäßig hoch waren. Neun Jahre später hat man nun eine erste Bilanz gezogen: Aus der Sicht des Vorsitzenden Thomas Kaiser habe die AG gute Arbeit geleistet und man habe erreicht, dass jeder im Interesse des Rotwildes denke. „Wir sind mit der Waldbewirtschaftung auf einem guten Weg“, sagte er weiter, „und, was sich bei der Arbeit positiv ausgewirkt hat, ist, dass wir bei unserem Vorgehen die Öffentlichkeitsarbeit nicht vergaßen.“ So wurden Hirschbrunftwanderungen und Wildbeobachtungsstationen eingerichtet und die Rothirschtage, wodurch man weit bekannt wurde.

Wildökologe Rudi Suchant stellte dar, dass die Bewertung der objektiven Grundlagen über Rotwild, Menschen und Lebensraum zu Konzeptionsentwürfen geführt haben, über die in der AG abgestimmt und deren Entscheidungen umgesetzt wurden. Nun sei man bei der Erfolgskontrolle. Wurde das, über was man damals diskutierte, bewältigt? Gelang das wichtigste Ziel, die Nutzungsansprüche der Menschen mit den Bedürfnissen des Rotwildes abzustimmen? Zentraler Diskussionspunkt sei immer die Wilddichte, erläuterte Suchant. Der zweite Punkt sei das Vorhaben, Schälschäden zu vermeiden. Es gehe aber auch um die Bejagungsmethoden oder wie das Raum-Zeitverhalten vom Wild durch den Tourismus beeinflusst wird. „Wenn dann noch das Rotwild erlebbar gemacht werden soll, ist alles ziemlich komplex“.

Über Interviews habe man erfahren, ob die festgelegten Ziele erreicht wurden. Dazu seien 44 Personen aus den verschiedenen Gruppierungen befragt worden. Man habe fast keine Wildschäden mehr und nach Meinung einiger Befragten sei der Rotwildbestand ausreichend reduziert worden. Die Rotwildkonzeption sei, so Suchant, auf einem guten Weg, aber es gebe Bedarf an einer Weiterentwicklung.

Mehr Informationen über die Rotwildkonzeption Südschwarzwald finden Sie hier. 

Telemetrieprojekt soll Alttier-Kalb-Bindung erforschen

Im Nationalpark Hunsrück-Hochwald soll ab Herbst mit Hilfe modernster GPS-Peilsender das gemeinsame Raumverhalten von Muttertier und Kalb beim Rothirsch erkundet werden. Mit dem Forschungsprojekt sollen auch Fragen zur Bindung von Muttertier und Kalb bei Störungen wie z.B. durch Jagd geklärt werden.

Bei der Jagd auf Rotwild ist es wichtig, einen ausreichenden Anteil von Alttieren, das heißt von mehrjährigen, weiblichen Tieren, zu erlegen. Dennoch gilt es bei der Bejagung besonders umsichtig zu agieren, denn Alttiere dürfen aus Tierschutzgründen erst erlegt werden, wenn diese kein Kalb, also Jungtier, mehr führen. Trennt sich jedoch in einer Stresssituation das Kalb von der Mutter, könnten Jägerinnen und Jäger ein einzelnes Muttertier fälschlicherweise als nicht mehr führend ansprechen und erlegen. In dem geplanten Projekt der rheinland-pfälzischen Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF) sollen das Muttertier und das dazugehörige Kalb vor Beginn der Bewegungsjagdsaison besendert werden. Im Rahmen einer Pilotstudie soll zunächst geklärt werden, ob dies mit vertretbarem Aufwand überhaupt gelingt. Danach stellt sich die Frage, ob mit Hilfe der Telemetrietechnik die Dokumentation des Trennungsverhaltens in zeitlich und räumlich ausreichender Zuverlässigkeit gelingt. Die übliche GPS-gestützte Sendertechnik wird daher bei dem Test um sogenannte „Seperationssender“ erweitert, um das Überschreiten einer bestimmten Distanz zwischen Mutter- und Jungtier registrieren zu können.

Sollte das Fang- und Besenderungsvorhaben gelingen und die Technik die erhofften Ergebnisse liefern, könnten weitergehende Untersuchungen im realen Jagdbetrieb, z.B. bei einer Bewegungsjagd, durchgeführt werden. Als Untersuchungsgebiet soll der Hunsrücker Hochwald dienen, wo die FAWF bereits in den vergangenen Jahren mehrfach Studien zum Rotwild und dessen Populationsdichte durchgeführt hat. Auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks sollen Fanganlagen errichtet und das benachbarte Wildgehege soll für Gehegeversuche genutzt werden. Zudem besteht mit dem Nationalparkpersonal im Bereich des Wildtiermanagements eine gute Kooperationsmöglichkeit und Projektunterstützung vor Ort, gerade auch zur Errichtung der Fanganlagen.  Es ist geplant, insgesamt möglichst bis zu 20 Tiere für die Tests zu besendern. Die Kosten werden aus Mitteln der Jagdabgabe bestritten.

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat aus Anlass ihres 7. Rotwildsymposiums Jagdpraxis und Gesetzgebung zu einem verantwortungsvollen und fairen Umgang mit unseren großen Wildtieren aufgerufen. Das sogenannte „Ostsee-Papier“ zum ethischen Umgang mit großen Wildtieren in Politik und Jagd enthält Gedanken zur Jagdethik und dabei unter anderem zum Muttertierschutz. Ausführliche Handlungsempfehlungen zum Muttertierschutz bei der Rotwildjagd finden Sie hier..