Rothirsch oben ohne! Stangensammeln verboten!

(Quelle: Thüringer Allgemeine & dpa/th vom 21.02.2015) Thüringens Hirsche entledigen sich derzeit ihrer bei Sammlern beliebten Geweihe. Doch wer eine solche Geweihstange im Wald finde und sie mit nach Hause nehme, mache sich der Wilderei strafbar, warnte die Landesanstalt Thüringenforst. Darauf stünden Geld- oder Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren. Nur wer vom zuständigen Jäger oder Förster autorisiert sei, dürfe eine solche Trophäe einpacken. Ansonsten müssten Finder sie liegenlassen. Wer derzeit gezielt durch den Wald streife, um Geweihe zu suchen, störe zudem das Wild in der Schonzeit, hieß es.

Vor allem während der Brunft im September benötigen Rothirsche ihre Geweihe, um sich gegen Nebenbuhler verteidigen oder durchsetzen zu können. Dabei bricht schon mal der sprichwörtliche Zacken aus der Krone. Damit zur kommenden Brunft die Stirnwaffe wieder voll einsatzbereit ist, verlieren Rothirsche jeden Spätwinter ihren Kopfschmuck, damit er in den kommenden vier Monaten wieder neu gebildet werden kann. Mehr zum Geweihwachstum des Rotwildes finden Sie hier.

Geweihe mitnehmen gilt als Wilddieberei

Geweihe von Hirschen im Thüringer Wald könnten bis zu acht Kilogramm schwer werden, erklärt Volker Gebhardt vom Vorstand des Thüringenforstes. In Ausnahmefällen seien sogar bis zu zwölf Kilogramm möglich. Besonders stark sei der Kopfschmuck im Alter zwischen 12 und 14 Jahren ausgeprägt. Doch bereiten diese Trophäen den Förstern und Jägern in Thüringen Probleme. Denn das Sammeln der „Stangen“ wie Jäger die abgestoßenen Geweihe nennen, ist illegal und gilt als Wilddieberei, so Volker Gebhardt. Sollte ein Wanderer mit einem solchen Geweih erwischt werden, könnten ihm Geld-, in schlimmen Fällen sogar Freiheitsstrafen drohen.

In der Realität ist das aber eher selten. „Denn werden Stangensammler in flagranti erwischt, so bekommt man regelmäßig die Antwort: Wollte ich sowieso beim zuständigen Jagdpächter abgeben“, erzählt Forstdirektor Horst Sproßmann. Demnach seien Wanderer mit Rucksack, in denen ein Geweih steckt, schon verdächtig. Im Wald würden vor allem Fußspuren an bestimmten Orten darauf hindeuten, dass gezielt nach abgeworfenen Geweihen gesucht wurde.

Seit 16. Januar besteht Schonzeit für Rotwild

Auch den Landesjagdverband in Thüringen ärgern diese „illegalen“ Sammler. Durch sie werde vor allem derzeit das Wild an seinen Futterplätzen gestört, erklärt Steffen Liebig, Vorsitzender des Landesjagdverbandes in Thüringen. Das Rotwild werde durch die Störer nur tiefer in den Wald getrieben, in Gegenden in denen im Winter der Schnee höher liege, ergänzt sein Stellvertreter Manfred Ißleib. Das könne die Tiere schwächen und ihr Überleben im Winter erschweren. Der Jäger weist darauf hin, dass ab 16. Januar für Rotwild Schonzeit sei und es nicht gejagt werden dürfe, damit es Ruhe habe. Wenn die Tiere während dieser Zeit aber immer wieder an ihren Futterstellen von Personen aufgescheucht werden, bestehe die Gefahr, dass sich Rehe und Hirsche tiefer in die Wälder zurückziehen und stattdessen dort dann Bäume anknabbern und so schädigen.

Manfred Ißleib verweist darauf, dass es für Interessierte beispielsweise im Thüringer Wald extra eingerichtete Wildbeobachtungsstationen gebe. Von dort aus könnte den Tieren zumeist das ganze Jahr über, zugeschaut werden. Rotwild kommt in Thüringen vor allem im Thüringer Wald, im Ostthüringer Schiefergebirge, aber auch im Harz und in Südwestthüringen vor.

Rothirsch mit Fernziel?

(jagderleben.de vom 06.02.2015): Ein Rothirsch hat Anfang Februar einen Großeinsatz auf dem Münchner Flughafen ausgelöst. Der ungerade Zehner wurde von mehreren Passanten in einem öffentlichen Bereich entdeckt und die Polizei setzte umgehend zwei Besatzungen in Marsch. Ihnen gelang es den Rothirsch in das umzäunte Audi-Fahrertrainingslager zu treiben, wo er später narkotisiert und in den umliegenden Rotwildbezirk Isarauen gebracht wurde. Unklar bleibt der Grund für den Ausflug des Hirsches: Da Rotwild in Bayern nur auf 14 % der Landesfläche legal leben darf, wollte der Hirsch vielleicht auf diesem Weg das Land verlassen.

Mehr zu den Rotwildbezirken in Deutschland finden Sie hier.

Mehr zum Rothirsch auf dem Flughafen erfahren Sie hier.

Hirsch Ludwig auf Sendung im Nationalpark

(Österreichische Bundesforste vom 28.01.2015) Überraschende Ergebnisse im Rotwild-Forschungsprojekt der Österreichischen Bundesforste im Nationalpark Kalkalpen – Hirsche senden 50.000 GPS-Daten per SMS – Weitere Besenderungen geplant

Neue Erkenntnisse bringt das mehrjährige Telemetrieprojekt der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) in Zusammenarbeit mit der Nationalpark Gesellschaft zur Erforschung des Rotwildes im Nationalpark Kalkalpen in Oberösterreich. „Unser Ziel ist es, die Wanderungen des Rotwildes wissenschaftlich zu dokumentieren und ihr Verhalten in der seit knapp 20 Jahren nicht mehr bejagten Ruhezone des Nationalparks zu erforschen“, erklärt Georg Erlacher, Vorstandssprecher der Bundesforste, die den Großteil der Flächen des Schutzgebietes betreuen. „Die fundierten Daten dienen auch dazu, unser Wildtiermanagement im Nationalpark weiter zu optimieren.“ Seit 2012 wurden insgesamt 19 Hirsche und Hirschkühe – alle zur eindeutigen Unterscheidung mit eigenen Namen versehen – mit GPS-Halsbändern ausgestattet. Bis zu sieben Mal pro Tag senden Ludwig, Kordula & Co ihre Koordinaten aus den weitläufigen Wäldern und übermittelten via SMS bereits 50.000 Peilpunkte. Die Daten einiger Tiere wurden nun zu ersten aufwändigen Bewegungsprofilen verarbeitet, die Aufschluss über Lauf-, Tag- und Nachtaktivität der größten Säugetiere in der Region geben. „Schon die ersten Auswertungen haben uns überrascht“, meint Erlacher. „Sie zeigen uns, dass sich Rotwild in der Natur nicht immer so verhält, wie wir dies ursprünglich angenommen haben.“

Das Wandern ist des Hirschen (Un-)Lust

Die im Laufe eines Jahres zurückgelegten Strecken unterscheiden sich von Tier zu Tier zwar deutlich, die Wanderrouten sind insgesamt jedoch erheblich kürzer als erwartet. Der sechsjährige Hirsch Ludwig zum Beispiel ist von sehr gemütlicher Natur. Nicht einmal 1,5 km streift er durchschnittlich pro Tag umher und bewegt sich dabei durch ein relativ kleines Gebiet von rund 2.400 Hektar. Seine weibliche Artgenossin Kordula ist im stolzen (Hirschkuh-)Alter von 15 Jahren hingegen schon etwas sportlicher: Sie bewältigt immerhin Strecken von über 750 km pro Jahr und legt dabei fast 90.000 Höhenmeter zurück. Zu ihren Lieblingsplätzen zählen Einstände rund um den Almkogel auf rund 1.000 Meter Seehöhe mit teils herrlicher Aussicht ins Alpenvorland. Während der Brunftzeit sind die Flächen rund um den Hengstpass beim Rotwild besonders beliebt. Von September bis Oktober buhlen männliche Hirsche hier um die Gunst potenzieller Partnerinnen.

Aktiv durch die Dämmerung

Wird vielerorts gemutmaßt, dass sich Rotwild durch verstärkte Nachtaktivität einer Bejagung geschickt entzieht, zeigen die ersten Telemetriedaten, dass die Tiere die längsten Strecken in der Dämmerung zurücklegen. Auch täglich wiederkehrende Bewegungsmuster, wie Jäger sie vermuten, kennen die Tiere meist nicht. „Wie wir aus den bisherigen Auswertungen sehen, scheint auch die jagdfreie Ruhezone wenig Einfluss auf die Streifgebiete des Rotwildes zu haben“, so Erlacher.

Weitere Hirschbesenderungen im Winter geplant

In den kommenden Wochen sollen drei weitere Hirsche bzw. Hirschkühe bei den Winterfütterungen, zu denen sich die Tiere in der kargen Jahreszeit regelmäßig einfinden, mit einem GPS-Halsband versehen werden. Zwei Jahre wird das Rotwild dann rund alle drei Stunden Peildaten übermitteln und Wissenswertes über seine Wanderbewegungen preisgeben. „Für eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung brauchen wir so viele Bewegungsdaten wie möglich. Manchmal kann ein Peil-Sender auch ausfallen oder die Tiere bevorzugen Plätze in entlegenen Gebieten, in denen kein GSM-Netz verfügbar ist“, erklärt Erlacher. Unterstützt wird das Rotwild-Telemetrie-Projekt vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER). Das Projekt läuft noch weitere zwei Jahre, die finalen Ergebnisse werden voraussichtlich 2017 zur Verfügung stehen.

Winterliches Hirsch-Theater im Nationalpark Kalkalpen

Für Naturfans bietet der 21.000 ha große Wald-Nationalpark Kalkalpen von Jänner bis März alljährlich ein ganz besonderes Schauspiel. Im Bodinggraben, einem der schönsten Talschlüsse der Kalkalpen, finden sich täglich rund 40 bis 90 Hirsche und Hirschkühe bei der Winterfütterung ein. Im Rahmen geführter Touren können die prächtigen Tiere von einer Besucherplattform aus so nah wie sonst nie beobachtet werden. Weitere Informationen und Anmeldungen im Nationalpark Zentrum Molln unter der Telefonnummer 07584/3651.

Rückfragehinweis

Österreichische Bundesforste
Andrea Kaltenegger, Unternehmenskommunikation
E-Mail: andrea.kaltenegger@bundesforste.at

Freie Fahrt für Weihnachtsmänner nur mit Rentieren!

Rotwild WeihnachtsgeschenkeAlle Kinder kennen „Rudolf“: Er hat eine rote Nase, ist ein Rentier und hilft dem Weihnachtsmann bei der Auslieferung der Geschenke. Dabei kann sich der Weihnachtsmann glücklich schätzen, dass er ein Rentier und keinen Rothirsch vor seinen Schlitten gespannt hat! Nur mit einem Rentier hat der himmlische Geschenkebote freie Fahrt in ganz Deutschland! Würde ein Rothirsch seinen Schlitten ziehen, wäre die Auslieferung der Geschenke in großer Gefahr. Denn: Mit Rothirschen würde der Weihnachtsmann schnell an die Grenzen der sogenannten Rotwildbezirke stoßen. Und das bedeutet im Ernstfall Totalverlust der Tiere durch einen amtlich verordneten Abschuss!

Auf fast der halben Fläche der Bundesrepublik Deutschland wäre die Auslieferung der Geschenke per Rothirsch sogar unmöglich: In sechs Bundesländern ist die Ausbreitung des Rothirsches per Gesetz verboten. Besonders übel sähe es mit den Geschenken in Baden-Württemberg und Bayern aus: Hier dürfen Rothirsche nämlich nur auf vier bzw. 14 Prozent der Landesfläche leben. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert deshalb: „Freiheit für den Rothirsch“! Und das nicht nur zur Vorweihnachtszeit.

 

Mehr zu den Rotwildbezirken in den Ländern und zu Forderungen der Deutschen Wildtier Stiftung finden Sie hier.

 

Rotwild als Landschaftspfleger?

Der Geschäftsbereich Bundesforst der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben wird gemeinsam mit den Universitäten Göttingen und Dresden ab 2015 ein fünfjähriges Forschungsprojekt zum Einfluss von Rotwild auf Offenlandbiotope durchführen. Die Untersuchungen werden auf dem Truppenübungsplatz der US-Streitkräfte in Grafenwöhr durchgeführt.

Offene und halboffene Landschaften unterschiedlicher Größe und Ausprägung sind ein wichtiges Merkmal der mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Das vorhandene Spektrum an ökologisch wichtigen Lebensräumen und Lebensgemeinschaften wurde maßgeblich von historisch gewachsenen, extensiven landwirtschaftlichen Nutzungssystemen geprägt. Die über lange Zeit konstante Nutzung und Gestaltung durch den Menschen ist eine wichtige Basis der heute in der Kulturlandschaft vorhandenen biologischen Vielfalt.

Aufgrund gravierender Veränderungen in der Landnutzung hat der Erhalt extensiv genutzter Offenlandlebensräume in den letzten Jahrzehnten massiv an Bedeutung gewonnen. Sie beinhalten zahlreiche seltene, streng geschützte Lebensraumtypen und sind Rückzugsräume für viele gefährdete Arten. Um die betreffenden Pflanzengesellschaften und den offenen Charakter der Flächen zu erhalten, ist ein laufender Entzug von Biomasse durch deren Nutzung oder regelmäßige Pflegeeingriffe erforderlich. Großflächige Schutz- und Managementkonzepte sind daher vergleichsweise aufwändig und kostenintensiv. Als ein in ökologischer Hinsicht zielführendes Instrument hat sich die extensive Beweidung mit robusten Rassen verschiedener Nutztierarten etabliert. Das System ist jedoch auch mit einigen Nachteilen behaftet und nicht auf allen Flächen realisierbar. Das gestalterische Potential wildlebender heimischer Huftiere wurde bisher kaum berücksichtigt.

Im Rahmen dieses Vorhabens soll daher untersucht werden, welchen Beitrag autochthone, freilebende Rothirschvorkommen zur Pflege von Offenlandbiotopen leisten können. Ziel des Projektes ist es den Zielerreichungsgrad und die Anwendbarkeit des Systems „Rothirschbeweidung“ zu klären und die für eine Umsetzung relevanten Wissensdefizite zu beseitigen. Als Projektgebiet wurde der von der US-Armee genutzte Truppenübungsplatz Grafenwöhr / Bayern ausgewählt. Der dort vorhandene Rothirschbestand nutzt aufgrund eines zielgerichteten Wildtiermanagements intensiv die offenen Teile des Lebensraumes. Über einen Zeitraum von insgesamt 5 Jahren sollen die Vegetationsentwicklung, das Raum-Zeit-Verhalten sowie die diesbezüglichen Wechselbeziehungen in zwei Teillebensräumen untersucht werden. Hierzu werden zwei feste Bezugsflächen mit unterschiedlichen standörtlichen Voraussetzungen und Vegetationstypen ausgewählt. In jeder der beiden Flächen werden bis zu 15 Rothirsche beider Geschlechter mit GPS-Sendern versehen und die vorhandenen Vegetationsgesellschaften sowie ihre Veränderung erfasst. Darüber hinaus werden auf Testflächen in beiden Lebensräume detailliert die Fraßeinwirkung auf die Vegetation ermittelt und Wechselwirkungen zusätzlicher gezielter Pflegemaßnahmen (Feuer, Mahd) mit der Beweidung durch Rothirsche untersucht.

Das Vorgehen liefert eine umfangreiche Datengrundlage zu Habitatnutzung und Habitatgestaltung von Rothirschen im Offenland und erlaubt so eine umfassende Erprobung, Analyse und Bewertung des Beweidungssystems sowie ergänzender Steuerungsinstrumente. Abschließend sollen konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet und bei entsprechender Ergebnislage ein konzeptioneller Rahmen für die praktische Umsetzung in anderen Lebensräumen entwickelt werden. Gefördert wird das Pilotprojekt aus Mitteln des Zweckvermögens des Bundes bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank.

Rotwildkonzeption in der ARD

In ihrer Sendung „[w] wie wissen“ hat die ARD am 15. November die Rotwildkonzeption Südschwarzwald vorgestellt. Wildtierexperten von der Forstwissenschaftlichen Versuchsanstalt Baden Württemberg entwickelten bereits vor einigen Jahren die Idee, in der Region um den Schluchsee Ruhezonen für das Wild anzulegen. Hier sollte geeignete Nahrung vorhanden sein, aber auch weitestgehend Jagdruhe übers Jahr herrschen. Aber mit diesen Maßnahmen zur Wildtierlenkung allein war es nicht getan – immer noch kam es zu Konflikten zwischen Forst- und Landwirtschaft und Rotwild. Man gründete deshalb die Rotwild-AG. Jäger, Landwirte, Privatwaldbesitzer aber auch Wildtierexperten und Tourismusvertreter suchen hier bis heute nach gemeinsamen Lösungen. Die sogenannte Rotwildkonzeption entstand, in der sich alle freiwillig Regeln auferlegten.

Den ARD-Beitrag zur „Rotwildkonzeption Südschwarzwald“ finden Sie hier.

Eine Broschüre zur „Rotwildkonzeption Südschwarzwald“ finden Sie hier.

Großrudel beim Rotwild

Mit der Bildung von Großrudeln sucht Rotwild den Schutz in der Menge. Besonders beim Vorkommen von Wölfen ist die Begründung für solche Großrudel dann schnell gefunden. Zu den vielen alltäglichen Problemen bei der Jagdausübung käme damit ein neues; denn in der Tat ist die Bejagung solcher Großverbände besonders schwierig. Und nicht zuletzt verursachen Großrudel besonders große Wildschäden. Aber welche Faktoren sind es wirklich, die das räumliche und soziale Verhalten von Rotwild und anderen sozial lebenden Pflanzenfressern bestimmen, und welche Rolle spielen dabei die Wölfe?

Einen Beitrag von Ulrich Wotschikowsky zum Vorkommen von Großrudeln lesen Sie hier.  

Das „Ostsee-Papier“ zur Jagdethik

Aus Anlass ihres 7. Rotwildsymposiums ruft die Deutsche Wildtier Stiftung Jagdpraxis und Gesetzgebung zu einem verantwortungsvollen und fairen Umgang mit unseren großen Wildtieren auf. Der Aufruf wurde in dem Abschlussdokument des 7. Rotwildsymposiums, dem „Ostsee-Papier“ zum ethischen Umgang mit großen Wildtieren in Politik und Jagd, formuliert. Das Abschlussdokument enthält außerdem Gedanken zur Jagdethik, die Inhalt der Diskussionen auf dem 7. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung gewesen sind.

 

DAS „OSTSEE-PAPIER“

zum ethischen Umgang mit unseren großen Wildtieren in Politik und Jagd

anlässlich des 7. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung (2014)

 

PRÄAMBEL

Leben und Wohlbefinden von Wildtieren sind in den Werten unserer Gesellschaft und den daraus resultierenden Gesetzen tief verankert. Um den ethischen und moralischen Ansprüchen unserer Gesellschaft gerecht zu werden, muss der Natur-nutzende Mensch bei allen Entscheidungen seine Verantwortung für das Wohlbefinden der Wildtiere gegen seine Handlungsmotive abwägen. Eine besondere Verantwortung hat der Gesetzgeber, der den Rahmen für die Handlungen des Menschen vorgibt und dabei die Belange der Wildtiere berücksichtigen muss. Sowohl der Natur-nutzende Mensch als auch der Gesetzgeber sollten alle Wildtiere mit gleichem Maß messen.

Einen wesentlichen Anteil an einem zeitgemäßen Umgang mit großen Wildtieren hat die Art der Jagdausübung. Ein ernst genommenes und sich weiterentwickelndes Selbstverständnis der Jäger bietet einen geeigneten Handlungsrahmen, um das Wohlbefinden der großen Wildtiere best-möglich zu gewährleisten. Wo dies nicht der Fall ist, müssen Gesetze formuliert werden, damit große Wildtiere vor unnötigem Leid bewahrt und im Sinne unserer gesellschaftlichen Werte behandelt werden.

GEDANKEN ZUR JAGDETHIK

Ethisches Handeln unterscheidet den menschlichen Jäger vom tierischen Beutegreifer. Es umfasst den Umgang mit Wildtieren inklusive ihrer Regulation sowie das Zusammenwirken von Jägern und zwischen Jägern und anderen Landnutzern.

Für die Jagd ist ein ethischer Umgang mit Wildtieren Verpflichtung und Herausforderung. Er ist immer auch Spiegel der Zeit und ist umso überzeugender, je stärker er gesellschaftlich getragen wird.

Voraussetzung für ethisches Handeln sind Wissen und Erfahrung. Daher müssen die wildbiologische Forschung und das Umsetzen ihrer Ergebnisse in der jagdlichen Praxis gefördert werden.

Jagdethisches Handeln verfolgt das Ziel, individuelles Tierleid zu minimieren und Wildtierpopulationen in freier Wildbahn zu erhalten. Wenn die Biodiversität durch Wildarten gefährdet wird, ist deren Regulation wichtig und sinnvoll. Eine nachhaltige Nutzung von Wildtieren, die auf jagdethischen Prinzipien beruht, ist auch eine Strategie zum Schutz von Wildtieren.

In Politik und Gesellschaft und auch bei den Jägern herrscht mit Blick auf den Umgang mit Wildtieren eine Doppelmoral – einige Wildtiere sind „gleicher“ als andere. Dies ist vielfach ein Resultat einer Projektion: Geschlagen wird das Wildtier – gemeint ist der Jäger. Ein fairer Umgang mit Wildtieren ist daher nicht allein Aufgabe der Jäger, sondern muss auch Grundlage von Politik und Gesetzgebung werden.

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AUFRUF AN DIE JAGDPRAXIS

Einen wesentlichen Anteil am ethischen Umgang mit großen Wildtieren hat die Art der Jagdausübung. Zusätzlich zu dem gesetzlichen Rahmen existiert bei den Jägern ein ethisches Selbstverständnis, das leider oft nur wenig Eingang in die Jagdpraxis findet. Dabei würde ein wirklich ernst genommener und sich vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse weiterentwickelnder Verhaltenskodex der Jäger einen geeigneten Handlungsrahmen für einen ethischen Umgang mit unseren großen Wildtieren bieten.

Vor diesem Hintergrund rufen wir die Jäger und ihre Organisationen auf…
  • ihr jagdliches Handeln permanent mit Blick auf ethische Grundsätze zu überprüfen und zu verbessern. Jäger müssen sich regelmäßig in der Sache weiterbilden und ihr eigenes praktisches Können einschätzen lernen.
  • so zu jagen und Reviere so zu gestalten, dass große Wildtiere ihrer Art entsprechend leben können.
  • den Abschuss von zur Aufzucht notwendigen Elterntieren selbst in Phasen starker Wildreduktion niemals billigend in Kauf zu nehmen. Verstöße gegen den Muttertierschutz führen zu massivem Tierleid und müssen konsequent zur Anzeige gebracht werden.
  • niemals auf die Nachsuche beschossener Wildtiere zu verzichten. Dabei darf es keine Unterschiede zwischen der Wildart oder der Art der Jagdausübung geben.
  • das Jagdhundewesen zu fördern und weiter zu professionalisieren.
  • die großräumige Lebensweise der Wildtiere in großräumiger Kooperation von Jägern und Landnutzern widerzuspiegeln.
  • keine Überhege von Wildarten zum Zwecke einer hohen Populationsdichte oder zur Erreichung starker Trophäen zu betreiben. Fütterung außerhalb von Notzeiten oder unzureichender Abschuss gehen zu Lasten anderer Teile des Ökosystems oder zu Lasten der legitimen Interessen anderer Gesellschaftsgruppen und sind kein zeitgemäßer Umgang mit Wildtieren.
  • neue Erkenntnisse und „richtiges“ Handeln auch über das Nutzen neuer Medien an Jäger zu vermitteln.
  • Vorbilder und „Leittiere“ für verantwortungsvolles Jagen zu suchen und kommunikativ zu nutzen.

FORDERUNGEN AN DIE GESETZGEBUNG

Neben dem Tierschutzgesetz bietet die Jagdgesetzgebung den Rahmen, durch den das Wohlbefinden der großen Wildtiere in Abwägung zum Nutzungsinteresse des Menschen an unserer Kulturlandschaft bestmöglich gewährleistet werden soll. Alle Wildtiere sollten dabei unabhängig von ihrem Einfluss auf das Nutzungsinteresse des Menschen an der Natur mit gleichem Maß gemessen werden.

Vor diesem Hintergrund fordern wir die Politik und den Gesetzgeber auf…
  • interessengeleitete Entscheidungsprozesse zu überwinden und Jagdpolitik aus den Bedürfnissen der Wildtiere heraus zu formulieren.
  • die rechtliche und ethische Ungleichbehandlung von Wildtieren zu beenden. Dazu gehört, die Jagd auf häufige Beutegreifer als Beitrag zum Artenschutz ebenso anzuerkennen wie die Jagd auf Schalenwild zur Sicherung der land- und forstwirtschaftlichen Erträge.
  • allen Wildtieren Wanderbewegungen und freie Wahl ihrer Lebensräume zu zugestehen.
  • artgerechte Fütterung von Rotwild im Winter vor dem Hintergrund des Nahrungspotentials in der Kulturlandschaft vorzusehen. Sie bietet Ersatz für die typischen Winterlebensräume bzw. für störungsarme Rückzugsräume.
  • die Pflicht zur Anschusskontrolle und zur Nachsuche angeschweißter Tiere mit einem bestätigten Nachsuchengespann gesetzlich zu verankern.
  • Jägern auch über geeignete Infrastrukturen, u.a. mit Blick auf Schießstände, eine ständige Weiterqualifizierung zu ermöglichen.
  • wirtschaftliche Ziele nicht über einen ethischen Umgang mit großen Wildtieren zu stellen und Wildtiere nicht an ihren natürlichen Verhaltensweisen zu hindern. Dazu gehört,
    • Anreize zur Beruhigung und Verbesserung der Lebensräume großer Gras-fressender Wildtiere zu schaffen.
    • Schalenwildbezirke aufzulösen, damit wandernde Arten nicht durch gesetzliche Vorgaben an Wanderungen oder Populationsausbreitungen gehindert werden.
    • Rückzugsräume zu fördern, in denen störungsempfindliche Arten ihrem natürlichen Tagesrhythmus nachgehen können.
    • sozial lebenden Arten eine ausreichende Populationsgröße zuzugestehen, um arttypische Sozialverbände zu bilden.
    • große Wildwiederkäuer im Winter von der Jagd zu verschonen, um eine Stoffwechselruhe zu ermöglichen.

Download

Das „Ostsee-Papier“ zur Jagdethik

Tagungsbericht des 7. Rotwildsymposiums

Vom 25. bis 28. September 2014 fand das 7. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung in Warnemünde statt. Unter den knapp 200 Teilnehmern befanden sich namhafte Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft, Forstverwaltung, Naturschutzverbänden und Medien. Die Tagung wurde gefördert durch die Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern und das Land Mecklenburg-Vorpommern.

Den Tagungsbericht und eine Bilderauswahl vom 7. Rotwildsymposium finden Sie hier.

Rotwilderlebnispfad Schönbuch

Feierliche Eröffnung des neuen Rotwilderlebnispfades Schönbuch am 20.09.2014. In enger Zusammenarbeit zwischen dem Landratsamt Tübingen und Forst BW ist im Naturpark Schönbuch jetzt ein interaktiver Rotwilderlebnispfad entstanden. Dieser will sowohl die Faszination des Rothirsches als „König der Wälder“ als auch die Spannungsfelder im Miteinander von Mensch und Rotwild in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft an Waldbesucher aller Altersgruppen und besonders auch an Kinder weitergeben.

Warum lebt unser Rotwild im Naturpark Schönbuch eigentlich in einem großen Gatter? Ist das Reh wirklich die Frau vom Hirsch? Auf diese und weitere Fragen lassen sich im Rotwilderlebnispfad leicht verständlich und abwechslungsreich Antworten für Jung und Alt finden. Dabei kommt bei aller Information natürlich auch der Spaß nicht zu kurz. An den eigens angelegten interaktiven Stationen können die Besucher das Rotwild in seinem natürlichen Lebensraum beobachten, sich mit den Tieren des Waldes messen oder gar selbst zum Hirsch werden.

 

Mehr zum Rotwilderlebnispfad im Schönbuch erfahren Sie hier.