Frauenrudel

Familienleben ist Frauensache     
   
Das Familienleben des Rotwildes ist matriarchalisch geprägt. Das heißt, dass sich „Familienleben“ im Wesentlichen ohne Beteiligung der Hirsche abspielt. Dies ist charakteristisch für viele sozial lebende Säugetiere - beispielsweise für Wildschweine, Elefanten, Gämse oder Büffel.

Mit Ausnahme weniger Wochen lebt das Rotwild in Rudeln. Am Beginn einer Rudelbildung steht ein weibliches Tier, das ein Kalb zur Welt bringt. Dieses Kalb folgt seiner Mutter fast ein volles Jahr. Dabei lernt es deren gesamten Lebensraum kennen, auch weite Wanderwege zu Wintergebieten, wenn solche erforderlich sind, wie z. B. im schneereichen Hochgebirge. Die Bindung zwischen Muttertier und Kalb ist sehr eng. Verliert das Kalb die Mutter, bevor es ein Jahr alt ist, sind seine Überlebenschancen gering; denn es wird von anderen Familien nicht geduldet.

Wenn das Alttier ein neues Kalb zur Welt bringen will, vertreibt es den Sprössling vom Vorjahr. Ist dies ein männlicher Jährling, so schließt sich dieser anderen Junghirschen an. Der weibliche Jährling („Schmaltier“) gesellt sich dagegen alsbald wieder zu seiner Mutter, wenn deren neues Kalb ein paar Tage oder Wochen alt ist. So entsteht eine beim Rotwild besonders häufige Dreiergruppe aus Mutter, Kalb und Schmaltier. 
 
Ein oder zwei Jahre später wird das Schmaltier ebenfalls Mutter. Es setzt sein Kalb innerhalb des Streifgebiets, das es kennen gelernt hat, und schließt sich einige Tage später mit seinem Nachwuchs wieder seiner Mutter an. So entsteht mit den Jahren ein Rudel aus weiblichen Tieren, die alle miteinander direkt verwandt sind. Diese Rudel dulden keine weiblichen Mitglieder anderer Familien bei sich. Man kann das gut beobachten, wenn sich zu Winterbeginn verschiedene Rudel an einer Fütterung einfinden: In den ersten Tagen wird viel gestritten, mit den Vorderläufen aufeinander eingeschlagen und mit dem Eckzahn gedroht, ja sogar mit diesem zugeschlagen.

Wie groß solche Familienrudel werden, hängt von der Struktur des Lebensraums und von der Zahl der Tiere ab. In offenen, waldarmen Landschaften neigt Rotwild zur Bildung großer Rudel. Das können hundert und mehr Tiere sein, z. B. im Schottischen Hochland. Das reichliche Nahrungsangebot erlaubt große Rudel, und aus Gründen der Feindvermeidung sind sie im offenen Land ein Vorteil. Im Wald dagegen bildet Rotwild meist nur Rudel aus sechs bis zehn Tieren, manchmal noch weniger.



Ulrich Wotschikowsky

Partner

  • Deutsche Wildtier Stiftung
  • Vauna
  • TU Dresden