Quantifizierung der Stressbelastung beim Rotwild

Auswirkungen von Stoffwechselaktivität und sozialen Hierarchien

Wildtiere sind in der heutigen Kulturlandschaft in vielfacher Weise Störungen durch den Menschen ausgesetzt, die einerseits die Entwicklung von Populationen beeinträchtigen können und andererseits oft Ursache von Wildschäden in der Forst- und Landwirtschaft sind.

Diese Störungen bewirken bei den Tieren eine Stressreaktion, die zu einer Mobilisierung schnell verfügbarer Energie sowie zur Steigerung von Blutdruck und Herzschlag führt. Diese Reaktionen sind als Antwort auf kurzzeitige Störungen der Homöostase höchst adaptiv, führen aber zu ernsthaften Gesundheits- und Fortpflanzungsproblemen bei chronischer Stressbelastung.Gängige Methoden zur Quantifizierung der Stressbelastung bei Wildtieren, wie z.B. die Bestimmung von Stresshormonen (Glucocorticoiden) führen bei Wildtieren selten zu aussagekräftigen Ergebnissen, weil die Probennahme selbst eine große Stressbelastung für die Tiere darstellt.

Aus diesem Grund erlangen nicht-invasive Methoden, bei denen die Menge der im Kot gefundenen Ausscheidungsprodukte von Glucocorticoiden das Ausmaß der Stressbelastung anzeigen, immer mehr an Bedeutung. In jedem Fall ist aber zu beachten, dass die nicht durch menschlichen Störungen bedingten Veränderungen der Ausscheidung von Glucocorticoiden im Kot vielfältig sein können. Neben Umwelteinflüssen wie Kälte- und Hitzebelastung, der sozialen Rangordnung und anderen Faktoren, spielt vor allem der bei einheimischen Wildtieren verbreitete Wechsel vom anabolen Stoffwechsel im Sommer zum katabolen Stoffwechsel im Winter eine wichtige Rolle.

In dem Promotionsprojekt wurde untersucht, in welchem Maße nicht störungsbedingte Ursachen die Konzentrationen von Glucocorticoid-Metaboliten (GMB) im Kot von Rothirschen beeinflussen, um damit im konkreten Anwendungsfall verlässliche Aussagen zur Bedeutung von anthropogenen Stressoren und über die Veränderung der GMB-Ausscheidung im Laufe eines Jahres machen zu können. Außerdem war es Ziel herauszufinden, welchen Einfluss der soziale Rang auf die GMB-Ausscheidung, den Energiehaushalt und die Nahrungsaufnahme hat.
 
Die für die Studie herangezogenen 16 weiblichen Versuchstiere leben im Forschungsgatter (45 ha) des Forschungsinstitutes für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) der Veterinärmedizinischen Universität Wien unter nahezu natürlichen Bedingungen. Für die Studie wurden sie mit speziell konstruierten Telemetriesendern für eine kontinuierliche Erfassung der Herzschlagrate als Maß für die Stoffwechselaktivität, der Unterhauttemperatur und der Aktivität ausgestattet. Die damit erhobenen Daten erlauben eine Quantifizierung der jahreszeitlichen Veränderungen der Stoffwechselaktivität und des Einflusses von Thermoregulation und Aktivität.

Während der gesamten Studiendauer von 1,5 Jahren wurden täglich Kotproben gesammelt, individuell zugeordnet, und regelmäßig Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Diese dienten dazu, soziale Interaktionen und die Rangordnung in der Gruppe zu erfassen, die ihrerseits einen hohen Einfluss auf die Glucocorticoidausschüttung haben dürfte.

Die Bestimmung der im Kot ausgeschiedenen GMB erfolgte mittels Enzym-Immuno-Assay, einer Methode, die zusammen mit dem Institut für Biochemie der Veterinärmedizinischen Universität Wien am FIWI für den Rothirsch etabliert wurde.

Die Tiere erhielten weiterhin an einer computergesteuerten Futterstation Futterpellets ad libitum, die in ihrer Zusammensetzung der natürlichen Rotwildäsung entsprachen. Die Anlage erlaubte zusätzlich die genaue, individuelle Bestimmung des Körpergewichts und der aufgenommenen Nahrungsmenge.

Weiter wurde die neben den Futterpellets zusätzlich aufgenommene natürliche Äsung mit Hilfe der sogenannten Alkanmethode bestimmt. Die Zufütterung von nicht natürlich vorkommenden Alkanen (Wachsen) mit den Pellets und der aus den Kotproben durchgeführte Vergleich dieser Alkane mit den in Pflanzen vorkommenden Alkanen ermöglichte uns die Quantifizierung der gesamten aufgenommenen Nahrungsmenge.

Die Ergebnisse zeigten einen photoperiodisch gesteuerten sinusförmigen Jahresverlauf der GMB-Ausscheidung im Kot, wobei die Werte zwischen Januar und April signifikant höher lagen, als zwischen Juli und Oktober. Futteraufnahme, Gewichtsverlauf und die durch Telemetrie gewonnenen physiologischen Daten, wie Herzfrequenz, Körpertemperatur und Aktivität der Tiere unterlagen ebenfalls starken saisonalen Veränderungen, jedoch mit einem saisonalen Minimum im Winter und einem Maximum im Sommer. Die Ergebnisse lassen tatsächlich auf eine katabole Stoffwechsellage der Tiere im Winter schließen, während der Körperreserven abgebaut werden und auf eine anabole im Sommer, während der Körperreserven aufgebaut werden , mit dem Glucocorticoid Cortisol als wichtigem, an der Regulation dieser Vorgänge beteiligtem Stoffwechselhormon.

Neben saisonalen Einflüssen hängen GMB-Ausscheidung, Energieverbrauch und Futteraufnahme auch vom sozialen Rang ab. Es zeigte sich, dass rangniedrigere Tiere aktiver sind ,eine höhere Herzfrequenz und somit einen erhöhten Energiebedarf haben als ranghöhere Tiere. Zwangsläufig ist dadurch der Futterbedarf bei den rangniedrigeren Tieren erhöht. Es ist daher anzunehmen, dass vor allem durch diese rangniedrigen Tiere Wildschäden in der Forst- und Landwirtschaft entstehen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass für die richtige Interpretation von GMB-Messungen als Stressindikator die Kenntnis des Jahresganges entscheidend ist. Ebenso ist es wichtig, die Rangordnung in einer Rotwildherde zu berücksichtigen. Weiter ist anzunehmen, dass falsche Fütterung und Störungen viel weitreichendere Folgen besitzen als bisher angenommen.

Mit den vorliegenden Ergebnissen wurde ein wesentlicher Erkenntnisgewinn für wildschadensvermeidendes Management erzielt und die Aussagekraft nicht-invasiver Methoden der Stressquantifizierung und deren Interpretation bei Wild- und Haustieren erheblich verbessert.
Der Einfluss der Futterverfügbarkeit und –qualität auf die jahreszeitlichen physiologischen Anpassungen des Rotwildes soll in den nächsten Jahren weiter experimentell geklärt werden.

Dipl. vet. Folco Balfanz
Veterinärmedizinische Universität Wien
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
 
Den Abschlussbericht finden Sie hier als pdf-Download.

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