Wild im Wald
Seit den späten 1970er Jahren beherrschen Slogans wie „Wald
vor Wild“ oder „Wald mit Wild“ die Debatte um die großen Wildtiere in unseren
Wäldern. Die Rolle des Waldes ist dabei eindeutig: Er ist Lebensraum für eine
Vielzahl an Wildtieren und bietet ihnen Nahrung und im besten Fall auch
ausreichende Ruhe. Schalenwild verbeißt hingegen junge Bäume, schält Rinde,
verhindert, verzögert oder entmischt die Verjüngungen. Auch der Naturschutz
schlug sich hier häufig auf die Seite der Forstwirtschaft. Dies ging soweit,
dass der Borkenkäfer als natürliches Phänomen hingenommen, das Rotwild aber auf
gleicher Fläche auf ein Mindestmaß re
duziert wurde. Aber welche ökologische
Aufgabe haben die großen Wildtiere? Der Schwarzspecht zimmert große Höhlen, in
denen andere Tierarten einen geeigneten Lebensraum finden. Aber das Reh? Sind unsere
Schalenwildarten lediglich ein Überschussprodukt der Evolution? Oder haben sie
eine ganz ähnliche Aufgabe wie der Schwarzspecht im Ökosystem zugewiesen
bekommen?
Die Antwort auf diese Fragen lassen unsere großen Wildtiere
in einem besseren Lichte stehen, als es derzeit der Fall ist. Bei genauerer
Betrachtung ist der Wald-Wild-Konflikt ein Konflikt zwischen Wald, Wild und dem
wirtschaftenden Menschen. Aus Sicht der Ökologie sind Schäle und Verbiss kein
Schaden, sondern schlicht Fraßeinwirkungen. Und Fraßeinwirkungen sind auch
nicht immer ein ökonomischer Schaden, sondern gehören meistens lediglich zur
natürlichen Sterblichkeit der Waldverjüngung. Über Verbiss und Schäle
hinausgehende Effekte wie Samentransport in Fell, Hufen und Kot oder die
Bedeutung von Abfallprodukten wie Haare, Geweihe oder Kadaver haben bis heute
in der Diskussion um naturnahe Forstwirtschaft oder den Erhalt unseres
Naturerbes keinerlei Relevanz.
Den viel zitierten ökonomischen Auswirkungen des
Schalenwildes auf seinen Lebensraum werden in der Broschüre „Wild im Wald"
seine ökologischen Wirkungen entgegen gestellt. Dabei wird keine Lanze für
überhöhte Wilddichten gebrochen! Es soll aber eine Sichtweise auf Rothirsch
& Co. eröffnet werden, die über Schälprozente und Geweihgewichte hinweg
reicht und unseren heimischen Wildtieren zu einem besseren Ruf verhilft.






